Die Schwanthalerhöhe: Bavaria lässt grüßen

Über der Theresienwiese erhebt sich die Bavaria von Ludwig Schwanthaler. Das dahinterliegende Viertel trägt heute den Namen des Bildhauers. Trotz professioneller Quartiers-Entwicklung hat das ehemalige Arbeiterviertel seinen eigenen Charme bewahrt.

 

Am 28. Mai 1837 erhielt Ludwig Schwanthaler vom Bayernkönig Ludwig I. den Auftrag für die Gestaltung der Monumentalstatue der Bavaria. Obwohl des Königs Architekt, Leo von Klenze, für die Ruhmeshalle an der Hangkante oberhalb Theresienwiese auch bereits Detailskizzen der Bavaria angefertigt hatte, begann Schwanthaler eigene Variationen zu entwerfen. Statt Klenzes griechisch-klassizistische Erscheinung entstand eine germanische Wallküre im Bärenfell mit bayerischen Löwen.

Erst 13 Jahre später wurde die über 18 Meter hohe und 87 Tonnen schwere Bronzestatue anlässlich des Oktoberfests 1850 eingeweiht. Ludwig I. war da bereits nicht mehr König, als die von Ferdinand von Miller in der Erzgießereistraße gegossene Bavaria an ihren herausragenden Standort errichtet wurde. Für Schwanthaler, der als Protegé des Königs jahrelang in Rom lebte, war es sein künstlerisches Hauptwerk. Hinter Ruhmeshalle und Bavaria hatte er sein Atelier errichtet, das nach seinem Tod im Jahr 1848 als Schwanthaler-Museum eröffnet wurde.

 

Auch andere Künstler zog es in die Gegend. Etwas später erbauten auch die damaligen Stararchitekten, wie Georg von Hauberrisser (Villa Hauberrisser oben rechts), der das Neue Münchner Rathaus entwarf, und Emmanuel von Seidl, sich um die Theresienwiese ihre palastartigen Villen. Das Viertel westlich der Wiesn mit seinen Bierkeller (Hackerkeller, Bavariakeller) an der Hangkante, wurde bald auch Schwanthalerhöhe genannt.

1908 erhielt der östliche Teil der Schwanthalerhöhe, die Theresienhöhe, mit dem von Theodor Fischer und  Gabriel von Seidl entworfenen Ausstellungspark mit Skulpturen von Georg Römer (Bronzepferde, links) und Karl Ebbinghaus (rechts: Phantasie) eine weitere Attraktion. 

 

Daraus entwickelte sich  das Messegelände auf der Theresienhöhe, das bis 1996 ausgebaut wurde. 1998 wurde die Messe umgesiedelt: Mit der Verlagerung des Flughafens München von Riem ins Erdinger Moos, wurde das Riemer Flughafengelände frei, wo dann die Messestadt entstand. Durch die Rochade ergab sich die Alte Messe als Entwicklungsareal. 1996 wurde ein städtebaulicher Ideenwettbewerb ausgeschrieben, den der Architekt Otto Steidle mit den Landschaftsarchitekten Thomanek + Duquesnoy gewann.

Nach Steidles städteplanerischen Entwurf wurde ein Gesamtkonzept für das neue Quartier Theresienhöhe entwickelt. Zwischen 2006 und 2007 wurden etwa 1400 Wohnungen errichtet, Bürogebäude für 5000 Arbeitsplätze erbaut und erhaltungswerte Messehallen umgenutzt. Viele der Bauten – darunter an der Stelle des ehemaligen Messeturms der Wohnturm Park Plaza (Bild rechts) und das KPMG Gebäude – wurden von Steidles Büro selbst entworfen.  

 

 

Im Norden errichtete die Accumulata für die DB Real Estate nach Plänen des Frankfurter Architektenbüros KSP Engel und Zimmermann den riesigen Büro-, Geschäfts- und Wohnkomplex Theresie. Die denkmalgeschützten, von 1907 bis 1908 im Jugendstil von Wilhelm Bertsch erbauten Eisen- und Eisenbeton-Messehallen, wurden vom Deutschen Museum übernommen und von Reichert Pranschke Maluche Architekten in ein Verkehrszentrum des Museums umgebaut (oben links, im Gegenlicht). Nur die im eleganten Stil der 1950er  Jahre von Emil Freymuth erbaute Kongresshalle (oben links) wird noch heute für Veranstaltungen genutzt.

Südlich davon und westlich von Klenzes Ruhmeshalle liegt der ebenfalls denkmalsgeschützte Bavariapark, der 2007 neugestaltet wurde. Davon südlich entstanden Wohnanlagen und entlang der Theresienhöhe-Radlkoferstraße sowie der Pfeuferstraße Büro- und Geschäftsgebäude.

 

Der ehemals von der Bahnlinie durchtrennte Bereich wurde mit einem Bahndeckel geschlossen, auf dem eine orange-grüne Spielelandschaft mit „Dünensand“ nach einem Entwurf der Berliner Landschaftsarchitekten Topotek 1 und der Künstlerin Rosemarie Trockel errichtet wurde (siehe Bild links).

Insgesamt wurde bei der Theresienhöhe auf eine dichte  lärmschutzwirksame Bebauung an den Rändern – etwa am Komplex Theresie (Bild rechts) geachtet, während sich im Zentrum der Anlage Grünanlagen (Bavariapark) oder Kultureinrichtungen (Verkehrszentrum des Deutschen Museums) befinden.

 

Ein Vierteljahrhundert zuvor wurde mit dem Wohn- und Geschäftszentrum Theresienhöhe (Bild links) anstelle der ehemaligen Bierkeller an der Hangkante der Schwanthalerhöhe noch völlig anders – sprich deutlich höher – gebaut.

Um möglichst viel Wohnraum zu errichten, entwarfen die Architekten E. M. Lang, Klaus von Bleichert und Gernot E. Car für die Schörghuber Gruppe Wohnhochhäuser mit darunter befindlichen Einzelhandelsflächen. Während die Bewohner der oberen Stockwerke die eindrucksvolle Sicht weit über das Viertel bis zu den Alpen genießen können (Bild rechts unten), wird die Anlage von anderen als Betonquartier geschmäht.

Nun steht dem Wohn- und Geschäftszentrum Theresienhöhe eine Generalsanierung bevor. Nach der Insolvenz des Möbelhauses XXXLutz verkaufte dieses Ende 2013 ihre Immobilie in der Theresienhöhe 5 an die HBB Hanseatische Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft. XXXLutz hatte das Objekt von Karstadt übernommen und 2006 mit 28.000 Quadratmeter Verkaufsfläche eröffnet. HBB plant nun, das auffällige Glaszelt (Bild links) umzubauen und Einzelhandel und Dienstleistungen zu integrieren. Die Gesamtinvestition soll bei 200 Millionen Euro liegen.

Dies soll nicht die einzige Baumaßnahme bleiben. Der weitaus größte Teil der Anlage – mit etwa 35.000 Quadratmeter - gehört der Bayerischen Hausbau von der Schörghuber Unternehmensgruppe. Die plant ebenfalls Baumaßnahmen durchzuführen: Der Immobilienbestand soll renoviert und in Teilen weiterentwickelt werden. „Wir möchten uns hierbei an der Erarbeitung eines auf Jahrzehnte gesehen tragfähigen Gesamtkonzeptes für den Komplex beteiligen“, erläutert Kathrin Borrmann von der Bayerischen Hausbau. „Wir werden jetzt während der nächsten Monate in gemeinsamen Gesprächen mit unserem Nachbarn die Nutzung der jeweiligen Flächen sowie mögliche Ansätze einer verkehrlichen Lösung erörtern.“

 

Die den Einzelhandel betreffenden Neuerungen auf den Flächen der Bayerischen Hausbau beziehen sich zunächst auf die aktuell von Toys`R`Us genutzte Fläche von rund 5.000 Quadratmeter sowie einige kleinere momentan leerstehende Büroflächen, für die Teilrenovierungen sowie eine Fassadenanpassung geplant seien. Außerdem soll die Flächenaufteilung optimiert werden. Die Fläche des Saturn-Marktes sowie die Kindertagesstätte und das Hotel würden jedoch in wesentlichen Punkten bestehen bleiben und lediglich renoviert werden.

Nordwestlich davon ist das Viertel Schwanthalerhöhe noch weitgehend von gründerzeitlichen Bauten für die Brauereiarbeiter geprägt. In den vergangen zwei Jahrzehnten hat die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung mbH (MGS) viel in die Schwanthalerhöhe und das Nachbarviertel Westend investiert. Nun sollen die Maßnahmen mit der Fertigstellung der Stadtteilbibliothek und 25 geförderten Wohnungen in einem Hinterhof der Schiesstättstraße bis zum Herbst diesen Jahres weitgehend abgeschlossen sein. Längst hat sich die Schwanthalerhöhe und das Westend vom ehemaligen Arbeiterviertel in ein In-Viertel mit Kult-Cafés wie das Hans Mier gewandelt.  Wer dort als junger Künstler wohnt, der benötigt wie Ludwig Schwanthaler, einen finanzstarken Mentor.

 

 

 

Das Viertel in Zahlen

Das Stadtviertel Schwanthalerhöhe ist mit dem Westend eines der zwei Bezirksteile des (gleichnamigen) Stadtbezirks Schwanthalerhöhe. Das Viertel grenzt im Osten entlang der Hangkante der Theresienhöhe zur Theresienwiese, die bereits zum Stadtviertel St. Paul des Stadtbezirks Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt gehört. Im Süden wird der Bezirksteil Schwanthalerhöhe von der Bahnlinie vom Stadtviertel Untersendling des Bezirks Sendling abgetrennt. Im Westen verläuft die Grenze zum Nachbarviertel Westend entlang der Ganghoferstraße.  Die nördliche Begrenzung bildet ebenfalls zum Westend die Landsberger Straße.

Einwohner: Die Schwanthalerhöhe ist eines der Münchner Stadtviertel mit dem höchsten Ausländeranteil. Das Durchschnittsalter liegt deutlich unter dem der Stadt, auch der Anteil der Single-Haushalte ist überproportional hoch.

Infrastruktur: An der Alten Messe befindet sich die U-Bahnhaltestelle Schwanthalerhöhe, im Norden liegt die S-Bahn-Stammstrecke (Hackerbrücke). Grün- und Erholungsflächen bieten der Bavariapark, weniger die Theresienwiese und der Georg Freundorfer-Platz. Das Viertel liegt sehr zentral in Laufnähe zum Bahnhof und der Altstadt.

Immobilien:  Im Viertel werden sehr wenige Wohnungen zur Miete angeboten, der Mietanstieg gegenüber dem Vorjahr (2,4 Prozent) fällt jedoch gegenüber dem Preisanstieg (über 12 Prozent) bescheiden aus.

Das Viertel Schwanthalerhöhe wird im Mietspiegel 2013 der Landeshauptstadt München mit dem Quartier Theresienhöhe bis zur Heimeranstraße im Norden als gute Wohnlage klassifiziert. Das Wohngebiet nördlich der Heimeranstraße hat durchschnittliche Wohnlagequalität.