Obere Au: Die Verwandlung des Nockherbergs

Die Obere Au war lange Zeit ein Herbergsviertel für arme Tagelöhner. Dann kamen mit den Mönchen die Brauereien. Heute entsteht dort große Wohnanlagen für gutverdienende Käufer von Eigentumswohnungen.

 

Auf dem Nockherberg in Münchens Stadtteil Obere Au trifft sich jedes Jahr die politische Prominenz und versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Denn beim Starkbieranstich müssen sie ertragen von dem Redner „derbleckt“ – verbal aufs Korn genommen – zu werden.

Wegen Corona fand am 5. März 2021 die Veranstaltung erstmals digital statt – Politiker wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), sein Koalitionspartner Hubert Aiwanger (FW), aber auch Bundespolitiker wie SPD-Kanzlerkandidat und Bundesfinanzminister Olaf Scholz und der CDU-Vorsitzender Armin Laschet waren digital zugeschaltet. Im Wahljahr 2021 gilt: besser derbleckt zu werden, als unerwähnt zu bleiben. Deshalb ließen sie sich die Leviten vom Derblecker Maxi Schafroth lesen.

Das Starkbierfest im Salvatorkeller hat Tradition. Im Zuge der Gegenreformation gründete Bayerns Herzog Wilhelm V. 1623 in der Au gegenüber München das Kloster Neudeck für die Basilianer, das ab 1627 aber von den Paulaner-Mönchen geleitet wurde. Während der Fastenzeit vor Ostern brauten die Mönche in ihrer eigenen Brauerei ein Starkbier als „flüssige Nahrung“ – um nicht das Fasten zu brechen. Zu Ehren des Ordensgründers wurde seit 1651 jedes Jahr eine besonders starke Biersorte ausgeschenkt, das „Sankt-Vater-Bier“. Später wurde es nach der Rezeptur des Paulaner-Braumeisters Frater Barnabas (1750 -1795) als Salvator-Bier gebraut. Dieses verkauften die Ordensbrüder zur Versorgung der armen dörflichen Bevölkerung  und zur Aufbesserung der Klosterkasse.

 

Nach der Säkularisierung 1806 wurde das Kloster Neudeck als Zuchthaus (Justizvollzugsanstalt Neudeck) genutzt, die gegenüberliegende Paulanerbrauerei erwarb 1813 der Wirt Franz Xaver Zacherl, der die Tradition des Salvatoranstichs weiterführte. Da er kinderlos war, wurde die Brauerei nach seinem Tode von seinen Neffen Ludwig und Heinrich Schmederer übernommen. 1858 verkaufte der Bankier Georg Nockher seine Sommerresidenz auf dem über der Brauerei gelegenen Nockherberg an die Paulanerbrauerei. Dort, entlang der Hochstraße in der Oberen Au, wo sich an der Hangkante vorwiegend kleine Herbergshäuser für die Tagelöhner befanden, entstand eine Gartenwirtschaft. Gegenüberliegend ließ sich die Familie Schmederer von Carl von Effner einen Park anlegen, der später von der Familie Krone (Circus Krone) erworben wurde und heute als Kronepark über den Schmederersteg vom Nockherberg öffentlich zugänglich ist. Ab dem Frühjahr 1861 fand auf dem Nockherberg der Ausschank der Paulaner-Biere im neuen Zacherl-Keller statt, der seit 1928 Salvatorkeller genannt wurde. Nach Zerstörungen durch Kriegsbomben (22. April 1944) und Brandstiftung (28. November 1999) wurde der Paulaner am Nockherberg mehrfach wieder aufgebaut. 

 

Brauerei-Umzug mit Folgen.

Beim Anstich 1891 gab es erstmals eine Salvatorrede, die ab 1950 ihre heutige Form erhielt, bei der bevorzugt Politiker „derbleckt“ wurden. Bekannte Salvatorredner waren der Volksschauspieler Weiß Ferdl, der Sänger Roider Jackl, der Hörfunk-Moderator Emil Vierlinger, der Schauspieler Walter Sedlmayr und die Kabarettisten Bruno Jonas, Django Asül und Luise Kinseher.

Auch wirtschaftlich gewann die Brauerei an Bedeutung, sodass neben der Gartenwirtschaft bis zur Regerstraße eine große neue Brauereianlage entstand. Seit den 1970er-Jahren befindet sich die Paulanerbrauerei mehrheitlich im Besitz der Unternehmerfamilie Schörghuber. Nachdem die Brauerei die Kapazitätsgrenze in der Regerstraße 28 erreichte, wurde 2014 im Münchner Westen in Langwied der Grundstein für den Brauereineubau gelegt, wo seit  Februar 2016 das Bier komplett gebraut wird. 

 

Auf den frei gewordenen Brauerei-Arealen in der Oberen und Unteren Au entwickelte die Bayerische Hausbau, ein Unternehmen der Schörghuber Gruppe, Wohnquartiere. Bereits fertiggestellt sind die Welfenhöfe südlich eines 1896 vom Stadtplaner Theodor Fischer angelegten Wohnquartiers, zwischen der Welfenstraße und den Bahngleisen entlang des Ostfriedhofs. Auch das Wohnquartier zwischen der Falkenstraße und am Nockherberg ist wie der gegenüberliegende Paulaner-Unternehmenssitz bereits errichtet. Im Bau befindet sich dagegen noch das Gebiet zwischen Hochstraße und Regerstraße. Die 1- bis 5-Zimmer-Eigentumswohnungen der vom Architekturbüro Rapp + Rapp entworfenen Wohnanlagen bietet die Bayerische Wohnbau zu Preisen von knapp 400.000 Euro bis knapp 1,3 Millionen Euro zu Quadratmeterpreisen ab 13.000 Euro an. Der Bereich entlang der Hochstraße neben den alten Herbergshäuser wurde dagegen 2017 von der Bayerischen Hausbau an die Becken Holding verkauft, die den Abschnitt unter der Projektbezeichnung „Hoch der Isar“ entwickelt und vermarktet. Das Ensemble aus 13 Wohngebäuden mit insgesamt 185 Eigentumswohnungen mit einer Größe von 30 bis 330 Quadratmetern soll bis Ende 2022 fertiggestellt sein. Darunter befinden sich auch 13 Penthouse-Wohnungen, die zu Preisen von 27.000 Euro pro Quadratmeter angeboten werden.

Ein weiterer Neubau entsteht weiter nordöstlich an der Ecke Gebsattelstraße / Franziskanerstraße, wo die Sedlmayer Grund und Boden, die ihre Ursprünge ebenfalls im Brauereigeschäft (Franziskaner, Spaten und Löwenbräu) hat, ein vormaliges Bürogebäude durch ein Wohngebäude mit 46 Mietwohnungen nach Plänen von Steidle Architekten ersetzt.

 

Das Viertel in Zahlen

Die Obere Au ist ein Bezirksteil des Münchner Stadtbezirks Au-Haidhausen. Unterhalb der Hangkante befindet sich im Nordwesten die Untere Au, im Westen Haidhausen Süd. Südlich der Gleisanlagen grenzt Obergiesing an, ein Bezirksteil von Obergiesing-Fasangarten.

 

Einwohner: In der Oberen Au wohnen überdurchschnittlich viele Familien und jüngere Menschen. Die Bevölkerungsdichte des Viertels ist eine der höchsten in München.  

Infrastruktur: Entlang der Regerstraße verkehren die Tram-Linien 15 und 25 sowie die Buslinien 68, N45 und X30. Einkaufsmöglichkeiten gibt es in der Welfenstraße (Edeka) und Senftstraße (Rossmann, Bäckereien). Freizeitmöglichkeiten bieten der Kronepark, die Grünanlagen am Auer Mühlbach und die Sportanlagen des TSV München-Ost.

Immobilien: Die Neubauwohnungen an der Regerstraße werden ab 13.000 Euro pro Quadratmeter angeboten. Zudem entstehen dort Mietwohnungen.

Stand: 16.03.2021, Ulrich Lohrer