Von der Kaserne zum Kreativquartier

An der Ecke Dachauer-/Schwere-Reiter-Straße befand sich früher das militärische Zentrum Münchens. Die ehemaligen Kasernenanlagen werden kaum mehr militärisch genutzt, zum Teil mussten sie bereits während der Aufbauzeit Wohnanlagen weichen. Nun soll im Bereich der Luitpoldkaserne das Kreativquartier entstehen.

 

Die Garnisonsstadt München war lange durch militärische Einrichtungen bestimmt. Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Kriegs werden immer mehr Kasernen in Wohnquartiere verwandelt. Eine Schlüsselstellung nahmen dabei die ehemaligen Militäranlagen am Oberwiesenfeld ein. 

Fünf Kasernen befanden sich allein in der Umgebung der Dachauer Straße und der Schwere-Reiter-Straße: Max-II-Kaserne, Eisenbahnkaserne, Barackenkasernement Oberwiesenfeld, Luitpoldkaserne und Prinz Leopold Kaserne.

Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zur ersten Umnutzung. So war die Max-II-Kaserne, westlich der Dachauer Straße in der Leonrod Straße weitgehend zerstört. Das 41 Hektar große Grundstück sollte zu Wohnzwecken (siehe Bild links) genutzt werden, ein städtebaulicher Wettbewerb gewann 1954 der Architekt Fritz Vocke. „Die Gebäudetypologie behält die rational geführten, orthogonalen Muster der Kaserne als historischen Fußabdruck bei“, erläutert Professor Ferdinand Stracke, in seinem Standardwerk WohnOrt München. „Leider konnte von der GEWOFAG die Anlage nur zu einem Viertel in der vorgesehenen Form errichtet werden und ist als verpasste Chance für die Neuinterpretation eines historisch bemerkenswerten Ortes zu betrachten.“ Noch heute konzentriert sich hier die Wohnungsnutzung des Viertels.

Südlich der Max-II-Kaserne befand sich zudem das Militärlazarett.

Dieses ließ König Ludwig II. nach der Choleraepidemie  im Jahr 1858 im Juni 1868 errichten. Nach einem Entwurf des Münchner Stadtbaurates Arnold Zenetti wurde ein 330 Meter langer unverputzten Ziegelbau (siehe Bild rechts) erbaut, der zum Teil schon bereits im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 bis in Einsatz kam. Heute befindet sich in den nur zum Teil noch vom Zweiten Weltkrieg verschonten Gebäude das Deutsche Herzzentrum.

Das Gebiet südlich davon und östlich der Dachauerstraße an der Lothstraße dient heute verschiedenen Hochschuleinrichtungen (siehe Bild rechts). Bekanntester Altbau ist der 1863 von Andreas Friedlein und Matthias Glaeser errichtete Ziegelbau des ehemaligen Zeughauses (Bild links). Heute nutzt die Technische Universität München den Bau für die Lehrstühle für Wirtschaftsethik, Politikwissenschaft, Psychologie und Pädagogik. Unter anderem ist dort das Medienzentrum untergebracht. Dahinter wurde gerade der Erweiterungbau der Hochschule der Angewandten Wissenschaften fertig gestellt. Der Neubau der SAM Architekten und Steidle Architekten nimmt in seiner Gestaltung und der Fassade im Tweedstil  Bezug zum Altbau.

Dagegen dient die Eisenbahnerkaserne am Westrand des Olympiaparks als Unterkunft für die Bundeswehrverwaltung. Bereiche der Prinz-Leopold-Kaserne in der Heßstraße werden vom Staatlichen Bauamts Freising genutzt.

Aktuell steht die ehemalige Luitpoldkaserne in der Diskussion. 1999 wurde das Areal zwischen Dachauer Straße, Leonrod Straße und Infanteriestraße als militärische Liegenschaft aufgegeben und im Norden an Unternehmen aus  Neuen Medien und Werbung vermietet. Die Landeshauptstadt München erwarb 2004 das Areal. Das westliche Gelände wird von kreativen und künstlerischen Einrichtungen wie den Kammerspielen genutzt, bereits 1993 wurde ein Atelierhaus mit 26 Ateliers geschaffen.

Langfristig ist auch eine gemischte Nutzung zu Wohn- und Gewerbezwecken geplant. Zuerst sollte auf dem Gelände die Werkbundsiedlung Wiesenfeld entstehen, eine vom Deutschen Werkbund initiierte Wohnsiedlung aus fünfhundert zur Hälfte frei finanzierte, zur Hälfte öffentlich geförderte Wohnungen. Den Architektenwettbewerb gewann 2007 der Japaner Kazunari Sakamoto mit seinem Entwurf von schlanken Türmen mit hängenden Gärten, Loggien und begrünten Dächern, kleinen Plätzen und Durchgängen. „Diese sensationelle Neufindung der Stadt und ihres öffentlichen Raums wurde vom Stadtrat mit dogmatischen ökologischen Argumenten vereitelt“, ärgert sich Niklas Maak, Redakteur von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Dabei wurde verkannt, dass eine Siedlung, die auf dem Papier ein wenig energieintensiver als eine geistlose Riegelbebauung ist, Hunderte von potentiellen Pendlern vom Auszug in die Vorstädte abgehalten hätte.“

2010 entschied sich der Stadtrat einen neuen städteplanerischer Wettbewerb für das Kreativquartier auszuschrieben, der nun Mitte Mai entschieden wurde. Der gemeinsame Siegerentwurf des Berliner Architekturbüro Teleinternetcafe mit TH treibhaus landschaftsarchitektur teilt das Quartier in vier Bausteine, in Kreativplattform, Kreativpark, Kreativlabor und Kreativfeld. Kulturelles und kreativwirtschaftlicher Mittelpunkt sollen die denkmalgeschützten Industriebauten Jutier- und Tonnenhalle bilden.

Der Entwurf soll die Grundlage für einen Bebauungsplan bilden. Man darf gespannt sein, wie viel Kreativität in der Umsetzung übrigbleibt.     

 

 

 

 

Das Viertel in Zahlen

Das Stadtviertel Alte Kaserne gehört zum Stadtbezirk Neuhausen-Nymphenburg. Nach Osten wird das Viertel von der Heßstraße zum Stadtbezirk Schwabing-West begrenzt, nach Süden von der Lothstraße zum Stadtbezirk Maxvorstadt. Die Grenze zum Stadtviertel Dom-Pedro bildet die Leonrodstraße, die zum Stadtviertel St. Vinzenz die Albrechtstraße im Westen.

 

Einwohner: Der Altersdurchschnitt des Viertels liegt etwas über dem Stadtdurchschnitt, auch der Ausländeranteil ist relativ hoch.  

Infrastruktur: Am Leonrodplatz kreuzen sich die zwei Tramlinien entlang der Schwere-Reiter-Straße/Leonrod-Straße sowie entlang der Dachauer Straße. Der Olympiapark im Norden bietet Grünflächen und Erholungsmöglichkeiten. Einkaufsmöglichkeiten bestehen am Leonrodplatz und in der Leonrodstraße. Zu den öffentlichen Einrichtungen gehören die Hochschulbauten entlang der Lothstraße und das Deutsche Herzzentrum.

Immobilien: Es dominieren die Mietwohnungen des GEWOFAG-Quartiers Max II aus den 1950er-Jahren. Bis zum Baubeginn der Wohnanlagen im Kreativquartier werden noch einige Jahre vergehen.

Nach dem Mietspiegel für München 2011 ist die Wohnbebauung im Viertel Alte Kaserne durchgehend als "durchschnittlich" klassifiziert.

Bis  zum Baubeginn des Kreativquartiers mit Wohnraum wird einige Zeit dauern, da zunächst auf Grundlage des städteplanerischen Siegerentwurfs ein Bebauungsplan ausgearbeitet und verabschiedet werden muß.

Dagegen ist das gegenüberliegende Quartier am Ackermannbogen, dass allerdings bereits dem Stadtbezirk Schwabing-West zuzuordnen ist,  bereits weitgehend fertiggestellt. Soeben wurde dort mit der Bebauung des vierten und letzten Bauabschnitts entlang der Schwere-Reiter-Straße begonnen.