St Paul - Villen um die Wiesn

Das Wies'nviertel mit der Theresienwiese als Oktoberfestveranstaltungsort, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als repräsentatives Villen- und Mietshausviertel für das Bürgertum und wohlhabende Künstler gebaut. Heute werden die begehrten schmucke Villen aber überwiegend als Büros und für private Kliniken und Arztpraxis genutzt.

 

Das Viertel St. Paul, dass auch Wiesnviertel genannt wird, weil es die Theresienwiese umschließt, ist Teil der ehemaligen Ludwigsvorstadt und des heutigen Stadtbezirks Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. St. Paul wird im Norden durch die Gleisanlagen, im Osten durch die Paul-Heyse- und Herzogstraße und im Süden durch die Lindwurmstraße begrenzt. Die Westgrenze zum Stadtbezirk Schwanthalerhöhe bildet die Theresienhöhe und die Hackerbrücke.

 

Wiesn

1791, als auf Vorschlag des Grafen Rumford die Stadtbefestigung Münchens abgebrochen und der Karlsplatz gestaltet wurde, gab es südwestlich davon bis zum Dorf Sendling nahezu nur Wiesen und keine Häuser. Rumford (1753-1814) ein amerikanischer Naturwissenschaftler, der sich im amerikanischen Unabhängigkeitsskrieg für die Engänder engagierte, und es sich deshalb mit seinen Landsleuten verscherzt hatte, wanderte nach Bayern aus. Dort machte er im Dienste des Kurfürsten Karl Theodor Karriere, stieg vom Adjutanten zum Kriegsmninister und Polizeichef auf. Mit dem Abbruch der wachstumsbegrenzenden Stadtmauern dehnte sich München entsprechend des Generalplans von Friedrich Ludwig von Sckells nach Westen aus. Es entstand eine Ansiedlung, die nach dem Kronprinzen Ludwigsvorstadt genannt wurde.  

Anlässlich von Ludwigs Hochzeit mit Therese von Sachsen-Hildburghausen organisierte der Bankier Andreas von Dall` Armi am 17. Oktober 1810 ein Pferderennen auf der Wiese vor der Ludwigsvorstadt und der Anhöhe darüber. Dies fand in der Bevölkerung großen Anklang. Man beschloss das Oktoberfest jedes Jahr auf der – nach der königlichen Braut genannten – Theresienwiese zu feiern. 

Auf der Anhöhe über der Theresienwiese liess Ludwig dann eine Parkanlage für seine Frau errichten, die Theresienhöhe. Zwischen 1843 bis 1853 wurde in seinem Auftrag ein Architektenwettbewerb für eine Ruhmeshalle berühmter Bayern ausgeschrieben, die Leo von Klenze mit einem klassizistischen Säulenbau gewann. Von Ludwig Schwanthaler stammt die riesige Skulptur der Bavaria, die von Ferdinand von Miller aus Erz gegossen wurde.

Heute ist das Oktoberfest mit jährlich etwa sechs Millionen Besucher das weltweit größtes Volksfest, für  das jährlich etwa 12.000 Personen auf der Wiesn arbeiten – davon rund 1600 Kellner. Mit einem Gesamtumsatz von fast einer halben Milliarde Euro stellt es ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für München dar. Zwar erzielte die Stadt München als Veranstalterin (Jahr 2009) direkte Einnahmen von den Wirten und Schaustellern nur in Höhe von 3,85 Millionen Euro und hatte Kosten von 4,2 Millionen Euro zu tragen, doch übersteigen die indirekte Einnahmen über die Gewerbesteuer die Ausgaben um ein Vielfaches. Besonders für die Gastronomiebranche im Bahnhofsviertel im westlichen Teil des Viertels Ludwigsvorstadt-Kliniken und der Altstadt ist das Oktoberfest der weit bedeutendste Umsatz- und Gewinnträger.
Außerhalb der Wiesn-Zeit ist die Fläche abgesehen von einem minimalistischen Stahlgebäude der  aichner kazzer architekten  für Serviceeinrichtungen der Polizei und Notdienste unbebaut (Bild links, unten).

 

Villen für wohlhabende Bürger

Zunächst entwickelt sich die Erschließung nur entlang der heutigen Schwanthalerstraße in Richtung Theresienhöhe, wo nördlich davon die Münchner Brauer seit dem späten 18. Jahrhundert das Gelände für den Bau von Sommerkeller zur Bierlagerung nutzten und wo nach 1800 Biergärten der Spaten-., der Hacker- und Bavariakeller entstanden. Mit dem Bau der Bahnlinie nach Augsburg (1839/40) und der Abzweigung der Holzkirchner Linie (1857) siedelte sich entlang der Gleisanlagen Gewerbe , Industrie und bahneigene Werkstätten im Bereich des heutigen Westend an. Die Bebauung nach Süden setzte relativ spät, erst in den 1880er-Jahren ein, nachdem mit dem Bau des Schlachthof dort ein neues Viertel entstand. Der Stadtrat wollte zunächst die heutige Fläche westlich der heutigen Theresienwiese frei halten, beugte sich aber dann dem Druck der Grundeigentümer, die das Areal durch Immobilien- und Terraingesellschaften zu Geld machen wollten. 

1882 legte August Voit einen Baulinienplan vor, der den Vorschlag des Architekten Georg Hauberrisser einer elliptischen Form der Theresienwiese mit der Bavriaring als Begrenzung aufgriff. Dabei wurde die Ruhmeshalle mit der Riesenskulptur  der Bavaria  als Mittelpunkt durch die Blickachse der Pettenkoferstraße und von dem neu geschaffenen Kaiser-Ludwigsplatz gewählt. Entsprechend ihrer großzügigen Anlage wurde das Viertel mit luxuriösen Villen bebaut. Dabei prägten die damaligen Stararchitekten Emanuel von Seidl, dem Bruder von Gabriel von Seidl, und Georg von Hauberrisser mit ihren historistischen Formen die Erscheinung der Villen. Die Häuser, die vereinzelt auch im Jugendstil errichtet wurden, dienten zum Teil auch als Künstlerwohnungen, was an den großen Atelierfenstern in Nordrichtung auszumachen ist. Ein beliebter Künstler-Treffpunkt war dabei Brakls Kunsthaus am Beethovenplatz, dass heute als medizinische Bibliothek dient und zum nachbarviertel Ludwigskliniken gehört.

Georg Hauberrisser baute sich an einer erhöhten Stelle der Schwanthalerstraße ein eigenes Renaissanceschlößchen in Ziegelbauweise. Dort pflegte der aumeister ein offenes Haus und stellte dem Maler Jakob Jehly „mit Freuden sein bestes Atelier“ zur Verfügung, in der „Butzenscheiben, alten Brokat, geschnitzte Truhen und weiß Gott was sonst noch“ vorfindet, wie sich seine Tochter später erinnert. Die Villa Hauberrisser wurde im Zweiten Weltkrieg erheblich beschädigt und nur zum Teil wieder aufgebaut.

 

Auch Emanuel von Seidl, neben Hauberrisser der andere Stararchitekt, der das Viertel St. Paul seinen Stempel aufdrückte, baute hier sein eigenes Haus. Seidl baute am Bavariaring gleich zwei Häuser als Bauherr und Architekt, die gegenüberliegenden Gebäude mit der Hausnummer 10 und 11, die dazwischen den Blick auf die Paulskirche freigibt (Bild links). Das Haus links setzt sich vom Grundriss aus drei Gebäudeteilen zusammen: Dem Kernbau an der Straßenecke, einem zurückversetzten Flügel sowie einen weiteren gebäudeflügel, der nach hinten schräg versetzt wurde. Im Erdgeschoss befanden sich Seidls Architekturbüro und in den zwei darüber liegenden Obergeschossen je zwei Mietwohnungen. Das Dachgeschoss bewohnte Seidl selbst.

 

„Den Dachboden seines Münchner Hauses hatte Emanuel Seidl zu einem ungemein prachtvollen, repräsentativen Künstlerheim umgeschaffen. Da gab es zwischen den schiefen, ausgezeichnet kaschierten Dachwinkeln etwa fünf mit den schönsten Teppichen und Vorhängen abgeteilte Räume, mit Marmorfußboden, Kaminen, Muschelkalktürstöcken wie in einer Kirche, mit Statuen, großen Vasen, herrlichen Bildern, Lüstern, Springbrunnen. Des Hausherrn Bett stand auf einer kleinen Theaterbühne, die durch einen richtigen Vorhang zu schließen war. Alles gab es – nur keine Türen.“ Dies berichtet der Mediziner Felix Schlagintweit, ein häufiger Gast Seidls, in seinen Erinnerungen. Das Hausist nach Kriegsbeschädigung und Wiederaufbau in reduzierter Form enthalten, von der luxuriösen Innenausstattung ist allerdings nichts mehr vorhanden. Es beherbergt heute verschiedene gewerbliche Mieter.

 

Das gegenüberliegende Haus (auch Bild oben rechts) errichtete Seidl einige Jahre später als Mietshaus im Jugendstil mit gotischen und Renaissance-Anklängen, um damit den neugotischen Stil der dahinterliegenden Paulskirche aufzugreifen. Auch dieses Haus enthält zwei Flügel und hatte ursprünglich pro Stockwerk eine einzige, hochherrschaftliche Wohnung von riesenhaften Ausmaß. 

Auf dem Grundstück des Bavariaring 14 hatte Emanuel Seidl für den Universitätsprofessor Hermann von Tappeiner eine Villa erbaute, die im Kriege beschädigt und 1963 abgerissen wurde. Für die Mannheimer Lebensversicherung entwarf darauf der Architekt Egon Eiermann ein Verwaltungsgebäude (Bild links). Eiermann konstruierte ein viergeschossiger Stahlbetonbau mit zurückversetztem Dachgeschoss. Die Erschließung erfolgt durch den zentralen Gebäudekern. Charakteristisch für die Ende der 1950er-Jahre entworfenen Verwaltungsbauten Eiermanns ist die Fassade: Die Brüstungen sind mit schwarzen, weiß verfugten Steinzeugplatten verkleidet. Eine besondere elegante Note gibt dem Gebäude das weit auskragende Vordach des Eingangs.

 

Auch Emanuel Seidls Bruder, Gabriel Seidl, der Erbauer der Künstlervillen von Lenbach und Kaulbach, hat am Bavariaring (24) gebaut. Als eine der ersten Gebäude errichtete er 1888 an der Ecke bavariaring/Beethovenstraße für den Apotheker Georg Erhart ein Mietshaus im bayerischen Neubarock. Er griff dabei Motive eines Gartenschlösschen auf und passte es den Anforderungen eines bürgerlichen Mietshauses an. 

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg – zwischen 1912 und 1913 ­ entstand dieses neuklassizistische Villa in der Ecke Bavariaring/Hermann-Schmidt-Straße. Auftraggeber war der Gynäkologe Ernst Bumm, Architekt war Max Littmann mit dem Bauunternehmen Heilmann & Littmann. Das neoklassizistische herrschaftliche Villa fällt unter der vorwiegend im Stil der Neu-Rennaissance und des Neobarock bebauten Bavariaringes auf. Das Gebäude wird nun vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband genutzt.

Heute werden die Villen weitgehend gewerblich als Büros für Rechtsanwälte, Agenturen, Versicherungen, Verbände und Vereine und als private Kliniken und Praxis für Ärzte genutzt.

 

 

Kaiser-Ludwig-Platz

Zentrum des Viertels ist der ab 1882 angelegte Kaiser-Ludwig-Platz. Im Norden beherrscht der mächtige Querbau des Theresiengymnasiums den Platz. Erbaut wurde das Gymnasium, dass sich an barockes Schloss als äußere Erscheinung zum Vorbild nahm, von 1895 bis 1897 vom Bauassesor Benno Grünewald. Die Fassadengestaltung stammt von Emanuel Seidl.

Mittelpunkt des Platzes ist das auf einem mächtigen Unterbau erstellte Reiterdenkmal Kaiser Ludwigs des Bayern. Es wurde von August Drumm nach einem Entwurf von Emil Dittler gestaltet und von Ferdinand von Miller 1905 gegossen. Gestiftet wurde das Denkmal vom „Brauereikönig“ Matthias Pschorr.

 

St. Paul

Der Name des Viertels richtet sich nach der relativ spät erbauten Paulskirche, die aber heute weithin von der Theresienwiese aber auch entlang der Landwehrstraße vom Altstadtring sichtbar ist. Außerdem nimmt sie städtebaulich Kontakt mit ihrer Mutterpfarrei St. Peter im Angerviertel auf, da die Landwehrstraße in ihrer gedachten Verlängerung in Richtung historische Altstadt direkt auf den "Alten Peter" führt. Über einen Kirchenverein, der etwa zur gleichen Zeit auch St. Benno im Kasernenquartier und St. Maximilian im Glockenbachviertel erbaute, wurde der Kirchenbau finanziert. Von diesen Kirchenbauten in neoromanischer Stilrichtung setzte sich St. Paul bewusst ab, indem es die Neugotik wieder aufnahm. Georg Hauberrisser, der auch Architekt des ebenfalls im neugotischen Stil erbauten Neuen Rathauses am Marienplatz war, erhielt den Auftrag. Auf Drängen der gutbürgerlichen und selbstbewussten  Bewohner des neuen Wiesnviertels wurde der Entwurf in monumentaler Größe erweitert und in bewussten Abgrenzung zum neuromanischen Stil des Deutschen Reiches gewählt. 1892 fand zwar die Grundsteinlegung statt, aber erst 1906 wurde der neugotische Bau fertig gestellt.

Die Paulskirche wurde im Zweiten Weltkrieg schwere beschädigt, aber bis 1954 konnte der Wiederaufbau abgeschlossen werden. 

 

Immobilien:

Bei der Bebauung des Wiesenviertel handelt es sich weitgehendum eine gefragte Innenstadtlage mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil denkmalgeschützter Gebäude in eine relativ ruhigen Lage mit Gartenstadtcharakter.  Der Mietspiegel weist das gesamte Wiesnviertel daher mit kleinen Ausnahmen als "gute Wohnlage" aus. Als "durchschnittliche Wohnlage" werden die Wohnungen an den stark befahrenen Straßen eingestuft: direkt an der Poccistraße, Lindwurmstraße, der Herzog-Heinrich-Straße, dem Kaiser-Ludwig-Platz. Aber auch das gesamte Gebiet nördlich der ersten Häuserzeile der Petenkoferstraße ist nur noch "durchschnittliche Wohnlage".

Weitere Informationen:

Zentraler Omnibusbahnhof ZOB: Start frei zum Wettbewerb

Literatur:

Denis A. Chevalley, Timm Weski: Denkmäler in Bayern, Landeshauptstadt München Südwest, Band 1 und 2, München, 2004

Rudolf Reiser: Alte Häuser, Große Namen, München, 2009