Das Kreuzviertel

Nachdem sie die Salzhändler und Bürger vertrieben hatten, residierten hier Adel und mächtige Kirchenfürsten. Doch längst haben die Palais des Kreuzviertels ihre Eigentümer wieder gewechselt: Banker, Vermögensverwalter und Rechtsanwälte fällen nun hinter Barockfasaden die Entscheidungen. Wohnen tut hier – abgesehen in Hotels wie der Nobelherberge Bayerischer Hof – heute kaum mehr jemand im Kreuzviertel. Stattdessen werden hier in erster Linie Geldströme gelenkt und Vermögen verwaltet. Immobilienwirtschaftlich steht deshalb der gewerbliche Bereich im Vordergrund.

Das Kreuzviertel in der Altstadt zwischen heutigem Karlsplatz, Marienplatz und Odeonsplatz hieß früher nach den seit 1290 ansässigen Augustiner-Eremiten „Eremitenviertel“. Seit 1458 ist es als Kreuzviertel bekannt, benannt nach der damaligen Kreuzgasse, deren Verlauf etwa dem heutigen Promenadenplatz und der Pacellistraße entspricht.

 

Viertel der Kirchen und Klöster

Vom Kreuz wurde das Viertel auch geprägt. Nahezu von allen Ecken sind die Zwiebeltürme der Frauenkirche (Bild oben) oder der gelbe Kuppelaufbau der Theatinerkirche (Bild links) sichtbar.

Gleich mehrere Klöster hatten hier ihren Sitz. Das älteste Kloster der Augustiner befand sich an der Neuhauserstraße. Ihr Name ist den meisten Münchner heute fast eher durch das „Augustinerbräu“ bekannter als durch ihr gesitliches Wirken. Die alte Kirche wurde nach der Säkularisierung durch Graf Montgelas zur napoleonischen Zeit zur Mauthalle profanisiert, diente dann nach dem Abriss der evangelischen Matthäuskirche 1938 an der Sonnenstraße durch die Nationalsozialisten als Ersatzgotteshaus.

 

Im Krieg schwer zerstört, wurde das Gebäude 1962 durch den Architekten Erwin Schleich als Jagd- und Fischereimuseum wieder aufgebaut (Bild links, rechte Bildseite). Westlich davon befindet sich die im Krieg ebenfalls zerstörte und danach wieder aufgebaute St. Michaelskirche (Bild links, linke Bildseite). Die Reste des eigentlichen Klosters befanden sich östlich von der Augustinerkirche zwischen vor der Frauenkirche. 1910 erbaute hier Theodor Fischer das Polizeipräsidium zwischen Löwengrube und Kaufingerstraße.

Nicht nur das Viertel, sondern das gesamte Stadtbild beherrscht die 1468 bis 1488 von Jörg von Halsbach erbaute Frauenkirche. Sie ist das höchste Bauwerk in der Altstadt und wurde im 15. Jahrhundert als überdimensioniertes Prestigeobjekt der Münchner errichtet. Zum Wahrzeichen München sind die 1524 errichtete „welsche“ Turmhauben.

Etwa zur gleichen Zeit wurde als Friedhofskapelle die Salvatorkirche an der nördlichen Stadtmauer, beim heutigen Salvatorplatz, errichtet (Bild rechts). Nach der Säkularisierung übergab König Ludwig I. den Bau der giechisch-orthodoxen Gemeinde, die sie noch heute als Kirche nutzt. Ab dem 16. Jahrhundert ließen sich noch andere Orden im Viertel nieder und gründeten ihre Klöster: die Jesuiten, die Karmeliterinen und die Theatiner.

Die Theatiner ließen sich 1662 von der Kurfürstin Henriette Adelaide berufen den von ihr gekauften Grundstück gegenüber der heutigen Feldherrenhalle. Die im Krieg zerstörte Klosteranlage wurde unter anderem von Gustav Gsaenger wieder aufgebaut. In dem zugänglichen Teil wurde im Innenhof ein Café untergebracht, dergrößte Teil des Gebäudes wird Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus genutzt. Beherrscht wird die Gegend jedoch von der angrenzenden Theatinerkirche St. Cajetan. Die im italienischen Barockstil von Agostino barelli und Enrico Zucalli errichtete Kirchewurde zwischen 1663 und 1675 erbaut und etwa 100 Jahre von Francois Cuvilliés d. . Ä. an der Fassade umgestaltet. Auch wenn die Macht der Kirche nicht mehr so beherrschend wie vor der Zeit Montgelas ist, so sind doch deren bauliche Manifestitionen ihrer Macht gerade im Kreuzviertel unübersehbar. Im ehemaligen Palais Holnstein (siehe unten), dem heutigen Erzbischöflichen Palais, residiert auch heute noch der Erzbischof von München und Freising.

 

 

Maxburg

Auch die Wittelsbacher begannen hier ihre Zweitresidenz, die Wilhelminische Veste zu bauen. Die Häuser der hier ansässigen Salzhändler wurden deshalb abgerissen. Die notwendigen Einnahmen für den teuren Prestigebau erschloss sich Herzog Wilhelm V. durch die Verstaatlichung des Salzhandels und entzog damit den bislang wohlhabenden Salzhändlern die Grundlage ihre Reichtums. In ihr Viertel und ihre Häuser zogen der Adel ein. Die später unter dem Namen Maxbau ausgebaute Wilhelminische Veste im südwestlichen Teil des Kreuzviertels wurde im Krieg mit Ausnahme eines Turmes fast völlig zerstört. Die Architekten Sep Ruf und Theo Pabst entwarfen für die Stelle des ehemaligen geschlossenen Blockes der Max-Burg Mitte der 1950er-Jahre ein geöffnetes Ensemble. Die Anlage aus verschiedenen Einzelbauten, wie dem Justizgebäude, einem Innenhof mit Cafés, einer Ladenzeile und eines Ausstellungspavillon für BMW stellt einen Durchgang zwischen Maxburgstraße, Maximiliansplatz und Pacellistraße Richtung Promenadenplatz dar und verbindet dadurch im Westen das Hackenviertel mit dem Kreuzviertel.

 

Palais für Banker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die ehemaligen Bürgerhäuser der Salzhändler wurden vom Adel in stattliche Barock- und Rokoko-Palais umgewandelt. Nach den Plänen von Francois Cuvilliés wurden besipielsweise in der Prannerstraße das Palais Neuhaus-Preysing (Bild links) für die Adelsfamilie Neuhaus und in der heutigen Kardinal Faulhaber-Straße das Palais Holnstein für den Sohn des Kurfürsten Karl Albrecht, dem Grafen von Holnstein, errichtet. Heute ist Palais Neuhaus-Preysing im Besitz der Großbank HVB und das Palais Holnstein Sitz des Erzbischofs (Bild unten links). Zu dieser Zeit entstandenen Adelspaläste gehören auch das Palais Portia und das Palais Gise. Nach der Verlegung des Salzmarktes im Jahr 1778 in die Arnulfstraße wurde der Promenadeplatz Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer dem Palästen würdigen Grünanlage und Promenade umgestaltet.

 

 

Anfang des 19. Jahrhundert begann auch bayerische Minister Maximilian Graf Montgelas, der am Promenadenplatz sein Palais durch den portugiesen Emanuel von Herigoyen errichten ließ (Bild oben),  mit seinen radikalen Reformen im Sinne Napoleons und der Aufklärung. Mit der Säkularisierung wurde die Macht des Klerus auch im Kreuzviertel weitgehend gebrochen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts zogen auch zunehmend Bankiers und Industrielle in die Adelspaläste ein. Die 1834 von von dem Eisenbahnkönig Maffei mitbegründete Hypotheken- und Wechselbank erwarb einen großen Teil des Grundbesitzes im nördlichen Kreuzviertel und hatte ab 1895 ihren Sitz in der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße 10. Und nebenan residierte die 1869 gegründete Bayerische Vereinsbank im Palais Portia. Als die Bankhäuser 1998 zur HypoVereinsbank fusionierten, hatten sie die meisten Gebäude für ihre Verwaltung in Besitz gebommen. Auch weitere Geldhäuser, Privatbankiers und Vermögensverwalter wie Merck Finck & Co., Hauck & Aufhäuser, Delbrück Bethmann Maffei die BHF-Bank und Morgan Stanley haben ihren Sitz im Kreuzviertel.

 

 

 

 

 

Literatur:

Klaus Gallas: München - Von der welfischen Gründung Heinrich des Löwens bis zur Gegenwart: Kunst, Kultur, Geschichte, Köln, 1979

Heinrich Habel, Johannes Hallinger, Timm Weski: Landeshauptstadt München, Mitte, Band 1-3, Denkmäler in Bayern, München 2010