Der Baumeister des Münchner Hochbarocks

Der Schweizer Enrico Zuccalli führte als Hofbaumeister des Kurfürsten von Bayern nicht nur die Bauten des Nymphenburger Schlosses und der Theatinerkirche weiter, sondern errichtete auch nach eigenen Entwürfen Schloss Lustheim in Schleißheim und das Kurfürstliche Schloss in Bonn.

 

Er stammte aus einer Schweizer Familie von Baumeister, die an Europas Fürstenhöfen und für die Kirche Meisterwerke erschufen. 1642 Johann Heinrich – später Enrico – Zuccalli in Roveredo geboren. Sein Vater Giovanni war als Stuckateur in Süddeutschland unter anderem am Dom von Kempten tätig.

Nach eigenen Angaben hielt er sich 1661 in Rom auf, wo er vor allem die Bauten des bedeutendsten Barockarchitekten, Gian Lorenzo Bernini (1598- 1680), studierte. Anschließend reiste er nach Frankreich. Vermutlich war er um 1668 beim Bau der Residenz des Königs (Versailles) als einer der Hauptbaumeister tätig sei. Auf Veranlassung seines Schwagers, der Baumeisters Gaspare Zuccalli, übersiedelt er 1669 nach München. Seine selbstbewusste Bewerbung liest die Frau des Kurfürsten Ferdinand Maria (reg. 1651-1679), die gebürtige Turinerin Henriette Adelheid von Savoyen, die den italienischen Barock nach München bringen wollte.

Er gestaltet den Gebäudekomplex rund um die Gnadenkapelle (Bild links Kapellplatz Altötting) in Altötting, seit 500 Jahren der bedeutendste Marienwallfahrtsort Deutschlands, neu. Als Bauleiter stand ihm der drei Jahre jüngere Giovanni Antonio Viscardi aus dem Nachbardorf San Vittore seiner Heimat in Graubünden zur Seite. Auch sein Schwager Gaspare zog nach Fertigstellung des Klosters Andechs hierher und unterstützte ihn beim Umbau der Altöttinger Gnadenkapelle.

 

Nach erfolgreicher Bewährung mit dem Großprojekt in Altötting wird Enrico Zuccalli 1673 erst 31-jährig zum Hofarchitekten ernannt. Er tritt die Nachfolge des Baumeisters Agostino Barelli beim Bau der Theatinerkirche (Bild links) und Schloß Nymphenburg an, da dieser 1674 nach Bologna zurückkehrt. Zuccalli fügt dem Rohbau der Theatinerkirche die 71 Meter hohe Kuppel und die beiden eigenwilligen Türme hinzu und übernahm die Leitung der Innendekoration. 

Zuccalli erhielt auch den Auftrag für den Theatinerorden eine Klosteranlage zu entwerfen. 1677 wurde er zum Oberbaumeister ernannt und genoß offenbar das Vertrauen der bayerischen Herrscher. Zur Hochzeit des Kurfürsten Maximilian II. (reg. 1680-1726) mit der österreichischen Kaisertochter Maria Antonia sollte er am Stadtrand von München ein Lust-und Jagdschloß (Bild oben und links unten) in Schleißheim errichten. So entstand von 1684 bis 1688 das Schloss Lustheim. Später sollte er im Auftrag von Kurfürst Maximilian II. von Bayern gegenüber von Schloß Lustheim ein repräsentatives Schloß nach Versailler Vorbild zu entwerfen. Von 1701 bis 1704 mußte er die Baupläne ständig revidieren. Schließlich durfte er aus Kostengründen nur den Ostflügel errichten. Erst 1717 nahm Zuccallis Nachfolger, der Architekt Joseph Effner, die Bauarbeiten wieder auf.

 

Dazwischen wurde Zuccalli allerdings von einem weiteren Großprojekt in Anspruch genommen. 1695 hatte der jüngere Bruder von Maximilian II., der Kölner Fürstbischof Joseph Clemens  die Idee, ein Residenzschloß in Bonn errichten zu lassen. Enrico Zuccalli entwarf eine monumentale Vierflügelanlage mit Ecktürmen, die 1697-1705 errichtet wurde.

Als Kurfürst Maximilian II. infolge des Spanischen Erbfolgekriegs und der verlorenen zweiten Schlacht von Höchstädt (1704) ins Exil gehen musste und Bayern unter die Verwaltung der österreichischen Habsburger fiel, verlor auch Zuccalli alle seiner Ämter. Er zog sich ins Kloster Ettal zurück, wo er eine neue Fassade mit Kuppel im barocken Stil entwarf. Die wurde tatsächlich – allerdings erst 20 Jahre nach seinem Tod und  nach einem Brand, der 1744 große Teile des Klosters vernichtete, gebaut.

Als 1715 Kurfürst Maximilian II. aus dem Exil in Frankreich zurück nach München kehrte, wurde Zuccallis wieder in seine alte Stellung berufen. Er führte aber nur noch wenige Aufträge für Privatleute aus und wirkte vor allem als Berater für die neue Generation von Baumeistern – darunter sein Nachfolger Joseph Effner als Baumeister  der endgültigen Version von Schloss Nymphenburg, für das Zuccalli bereits Entwürfe angefertigt hatte.

Mit 80 Jahren starb Enrico Zuccalli am 8. März 1724 in München. Er gilt als der Hauptvertreter des Münchner Hochbarock.

 

Werke (Auswahl)

1669 – 1676 Umbau der Gnadenkapelle in Altötting

1673 – 1692 Weiterbau der Theatinerkirche mit Kuppel und Türme

ab 1682 Schloss Lustheim in Schleißheim

1693 Palais Porcia in München

1697–1705 Kurfürstliches Schloss in Bonn (Bild unten)

ab 1701 Entwürfe für Schloss Schleißheim

1702 bis 1704 Bau der Galerein des Schloss Nymphenburg

ab 1704 Entwurf für Kuppel des Kloster Ettal

 

 

Bilder: Kapellplatz Altötting (ganz oben links) – Shrine of Europe; Kurfürstliches Schloss Bonn (großes Bild ganz unten) – Thomas Wolf; sonst – Ulrich Lohrer