Pritzker-Preis: Frei Otto posthum geehrt

Am 10. März gab das Pritzker-Preiskomitee seine Wahl für dieses Jahr bekannt. Zum zweiten mal erhält mit Frei Otto, ein deutscher Architekt den Architekturpreis. Der geniale Architekt und Dachkonstrukteur der Münchner Olympiabauten, kann den Preis nicht mehr entgegennehmen – er ist  ein Tag vor der Bekanntgabe verstorben.

 

Wegen seines Renommees wird der von dem amerikanischen Hoteliers (Hyatt) und Philantrop Jay Pritzker und seiner Frau Cindy 1979 gestiftete Architekturpreis häufig mit dem Nobelpreis verglichen. Bislang erhielt 1986 mit dem Kölner Gottfried Böhm bislang nur ein einziger Deutsche die begehrte Auszeichnung. Der jährlich vergebene Preis, der mit 100.000 US-Dollar dotiert ist, wurde in den vergangenen fünf Jahren mit SANAA (2010), Toyo Ito (2013) und Shigeru Ban (2014) dreimal an japanische Architekten verliehen.

Eigentlich hätte die Bekanntgabe des diesjährigen Pritzker-Preisträgers erst zwei Wochen später stattfinden sollen. Weil Frei Otto im Alter von 89 Jahren am 9. März 2015 verstarb, erfolgt die Verleihung nun posthum.

 

Hauptwerk in München

Mit seinen Seilnetzdächern um den Hauptsportbereich der Olympiageländes in München hat er eines der architektonischen und städtebaulichen Wahrzeichen für die Stadt an der Isar geschaffen. Das leichte Großvoliere im Tierpark Hellabrunn ist ein weiteres Werk von Frei Otto in München.

Die „New York Times“ berichtete, Otto habe noch von der geplanten Ehrung erfahren. „Ich habe nie etwas getan, um diesen Preis zu erhalten“, habe er der Jury gesagt. „Das Gewinnen von Preisen ist nicht mein Lebensziel. Ich versuche, armen Menschen zu helfen. Aber was soll ich sagen, ich bin sehr glücklich.“

Frei Otto, dessen „glückliches, erfülltes Leben  friedlich zu Ende gegangen“ ist, wie auf der Website des Architekten steht, wurde 1925 im sächsischen Siegmar geboren und erhielt auf Wunsch seiner Mutter den ungewöhnlichen Vornamen „Frei“. Es war ihr Moto und es sollte seines werden. Wie sein sein Großvater wollte der junge Frei zunächst Bildhauer werden. Er begeisterte sich aber zudem für das Zeichnen und vor allem für Segelflugzeuge, den Leichtbau und dem Konstruieren von Flugzeugmodellen. Als junger Mann überlebte er als Jagdflieger den Weltkrieg und geriet bis 1947 in französische Kriegsgefangenschaft.  Von 1948 bis 1952 studierte er schließlich aufgrund seiner Begabung für Konstruktion, Technik und Kunst Architektur an der Technischen Universität Berlin. Seine Lehrer dort waren Hans Freese, Hellmuth Bickenbach und Gerhard Jobst. Auf einer Studienreise durch die Vereinigten Staaten, lernte er Frank Lloyd Wright, Ludwig Mies van der Rohe, Eero Saarinen und Richard Neutra kennen.

Frei Otto gilt aufgrund seiner gebauten und geplanten Entwürfe als technischer Revolutionär und Querdenker unter den Architekten seiner Generation. Durch komplexen Tragwerkberechnungen verwirklichte der Ingenieur seine berühmten Dachkonstruktionen, die damals im Entwurf als elegante Utopien erschienen. Dabei wurden die Bauten mit der Zeit größer und komplexer: Vom Musikpavillon der Bundesgartenschau in Kassel (1955 - siehe schwarz-weiß Foto ganz oben links) über dem Sternwellenzelt im Kölner Tanzbrunnen (1957) und dem deutschen Pavillon für die Weltausstellung in Montreal (1967 - Bild oben rechts) bis zur Überdachung des Behnisch-Entwurfs auf dem Olympiagelände in München (1972).

Auch mit zunehmenden Alter trieb Frei Ottos Begeisterung und Neugierde für neue Materialien zu überraschenden Entwürfen und Ergebnissen wie sein Bühnendach aus umgedrehten Schirmkonstruktionen für die Pink Floyd-Tour 1977 (Bild rechts), seinen sonnenbeschirmte „Stadt in der Wüste“ und dem "Diplomatic Club" (Bild oben links) in Saudi Arabien oder die von einer riesigen transparenten Kunststoffkuppel überdachte „Stadt in der Arktis“ (Modell -Bild links oben).

Trotz seines Alters konnte er  mit seinen Ideen mit seiner Begeisterung Studenten und jüngere Kollegen begeistern. Mit Shigeru Ban, dem Pritzker-Preisträger des Vorjahres  entwickelte er mit Papier und Textilien den japanischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover.

Die Jury, denen mit Richard Rogers und Glenn Murcutt Preisträger der vergangene Jahre angehören, ehrt und begründet den nun in seiner schwäbischen Wahlheimat Warmbronn verstorbenen Frei Otto mit folgenden Worten: „Er ist nicht nur Architekt, sondern auch Forscher, Erfinder, Form-Finder, Ingenieur, Baumeister, Lehrer, Mitarbeiter, Umwelt-Aktivist, Humanist und Schöpfer unvergesslicher Gebäude und Orte gewesen.“

Bildrechte: Musikpavillon Bundesgartenschau Kassel (1955), Dachkonstruktion der Hauptsportgruppe des Olympiaparks München, Stadt in der Arktis, Diplomatic Club, Pink Floyd Konzert Schirme: 
© Atelier Frei Otto Warmbronn; Frei Otto im großen Aufmacherbild oben: ©2015 The Pritzker Architecture Prize / The Hyatt Foundation; Photo, Frei Otto sitzend (schwarz-weiß): © Ingenhoven und Partner Architekten, Düsseldorf; 
Photo; Frei Otto auf dem Dach des Ausstellungspavillons der Expo Montreal 1967: © von Schlaich