Timo Nüßlein: "Hitler und Troost bewunderten die Bauten Ludwig I"

Der Kunsthistoriker Timo Nüßlein hat ein Standardwerk über Hitlers Lieblingsarchitekten Paul Ludwig Troost vorgelegt. Immobilinreport sprach mit ihm über den Architekten, der das Erscheinungsbild des Nationalsozialismus prägte, aber selbst ein eher unpolitischer Mensch war.

 

immobilienreport: Herr Nüßlein (Bild links unten), Sie haben eine knapp 600 Seiten starke Doktorarbeit über Hitlers Lieblingsarchitekten Paul Ludwig Troost geschrieben. Weshalb?

Timo Nüßlein: In meinem Studium der Kunstgeschichte besuchte ich eine Seminar über die Architektur im Dritten Reich bei Raphael Rosenberg. Da wurde ich auf das Thema aufmerksam. Unter Leitung der Professoren Rosenberg und Winfried Nerdinger raus entstand das Forschungsprojekt "Hitlers Architekten". Die Arbeit über Troost fand ich interessant, weil es viele Dokumente auszuwerten gab, beispielsweise seine Tagebücher. Aber auch, weil Troost im Gegensatz zu Hitlers späteren Architekten Albert Speer und Hermann Giesler bereits ein interessante künstlerische Vita während der Kaiserzeit und der Weimarer Republik vorweisen konnte.

immobilienreport: Troost war bereits  als blutjunger Architekt von 1900 bis 1903 im Atelier von Martin Dülfer in München, einem der wichtigsten Vertreter des Jugendstils. Wie kam es dazu?

Nüßlein: Die Stelle wurde ihm von seinem Freund Peter Birkenholz vermittelt, der zuvor bei Dülfer gearbeitet hatte und Troost als Ersatzmann für sich vorschlug. Troost war vermutlich bei Dülfer zunächst Bauleiter bei der Wohnung des Insel-Verlegers Alfred Walter Heymel, deren Einrichtung für Aufmerksamkeit in der Kunstszene sorgte. Unter Dülfer entwarf er später die Villa Becker, machte sich dann aber mit erst 24 Jahren selbständig. Der Villa Becker verdankte Troost neben der Insel-Wohnung aufgrund ihrer aufwendigen Ausführung seine sich früh herausbildende Reputation als Luxusarchitekt. Wegen der Villa Becker trennte sich Troost von Dülfer im Streit, der aber später beigelegt wurde.

 

immobilienreport: Dennoch wird von Troosts (Bild rechts) Entwürfen später kaum einer verwirklicht. Stattdessen macht er sich einen Namen als Innendesigner von Passagierschiffen (Bild links, Salon in der Europa).

Nüßlein: Ja, Troost beteiligte sich zwar häufig an Wettbewerben und belegte dabei auch oft vordere Plätze  – darunter den zweiten Platz für das Deutsche Museum. Doch wurde keiner seiner preisgekrönten Entwürfe realisiert. Stattdessen verlegte er sich auf die Innenarchitektur von Villen und entwarf Möbel für die Vereinigten Werkstätten (VW). Ein Vermögen verdiente Troost aber tatsächlich durch die Gestaltung der Interieurs von Luxus-Passsagierschiffen. 1912 schloss er – wahrscheinlich über die Verbindung zu den VW – einen Vertrag mit dem Norddeutschen Lloyd (NDL) ab. Die NDL war zu dieser Zeit neben der deutschen HAPAG (Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-Actien-Gesellschaft) und den englischen White Star Line und Cunard Line eine der großen Schifffahrtsgesellschaften mit enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Um im Wettbewerb gegen ihren Hauptkonkurrenten HAPAG bestehen zu können, setzte die NDL auf eine luxuriöse und modernere Inneneinrichtung. 1927 erhielt Troost allein für den Werkvertrag für die Europa 200.000 Reichsmark. Dafür unternahm er eine Studienreise in die USA, wo er die Interieurs anderer Schiffe und Luxushotels in Augenschein nahm. Der Einrichtungsstil der Europa ist dann auch stark vom nordamerikanischen und französischen Art Déco geprägt. Aufgrund der Wirtschaftskrise 1929 erhielt Troost aber dann keine Aufträge mehr, weshalb er sich der Malerei widmete.

immobilienreport: Über das Verlegerehepaar Bruckmann lernte Troost dann 1930 Hitler (Bild links: Troost und Hitler vor dem Modell Haus der Deutschen Kunst) kennen. Von wem ging die Initiative aus?

Nüßlein: Von Hitler. Er bat seine frühe Gönnerin Elsa Bruckmann, die Troost kannte, am 21. September 1930 telefonisch um ein Treffen mit dem Architekten. Hitler schätzte Troosts Arbeiten. So hatte er bereits zuvor von Troost entworfene Möbel erworben und war von seinen Raumschöpfungen der Ozeandampfer wie der Europa begeistert. Das Treffen erfolgte drei Tage später in der Villa Bruckmann am Karolinenplatz. Wie Troosts Ehefrau Gerdy später berichtete, kam Hitler gleich zur Sache. Troost sollte seine Parteizentrale Palais Barlow – das Braune Haus – repräsentativ umgestalten. So kam es zur Zusammenarbeit.

immobilienreport: War Troost ein überzeugter Nazi?

 

Nüßlein: Er war ein politisch eher uninteressierter und introvertierter Mensch. Weil Hitler Troost verehrte und ihn mit Großaufträgen versorgte, fühlte dieser sich geschmeichelt. Gegenüber Hitler entwickelt er ein starkes Pflichtgefühl und arbeitete für ihn ohne ein Honorar zu verlangen. Beide verband die Ablehnung der modernen Architektur und des akademischen Betriebs. Unter Hitlers Einfluss radikalisiert er sich allerdings, da seine Kritik nun eine eigentümlich nationalistische Färbung einnimmt.  Von Hitlers politischem Programm müssen Paul Ludwig und Gerdy Troost frühzeitig Kenntnis  gehabt haben, wenn sie auch wohl seinen Rassenwahn nur bedingt geteilt zu haben scheinen. Beispielsweise setzte sich Gerdy Troost nach 1934 bei Hitler für Karl Wessely, den verfolgten jüdischen Augenarzt ihres Mannes, ein. Allerdings nahm sie, und zuvor ihr Mann, die Verfolgung der Juden jenseits der sie selbst berührenden Einzelschicksale billigend in Kauf.

immobilienreport: Nachdem Troost das Braune Haus eingerichtet hatte und nach der Machtergreifung, wurde er von der NS-Propaganda zum „Ersten Baumeister des Dritten Reiches“ hochstilisiert. Entsprach dies der Wirklichkeit?

Nüßlein: Hitler gab sich überzeugt, zumindest nach außen hin, mit Troost ein verkanntes Genie entdeckt zu haben. Im Bereich der Kunst war Troost Hitler überlegen: So war er nicht nur Architekt, sondern verfügte auch über ein breites, theoretisches wie praktisches  – Troost spielte Klavier und sang – Musikwissen und zeigte auch auf dem Gebiet dem Malerei eine größere Befähigung als Hitler. Kein Zweifel, dass Hitler Troosts künstlerische Überlegenheit nicht nur anerkannt, sondern höchstwahrscheinlich sogar bewundert hat. Angesichts dessen sowie auch seiner autodidaktischen Selbstausbildung dürfte Troost Hitlers Genievorstellung sehr nahe gekommen sein.

Im Bereich der Architektur wirkte Troosts strenger Neoklassizismus mit Rückgriff auf antike Bauformen in der Tat nach.  Gewissermaßen den Beginn markieren drei von Troost gestaltete Räume im Brauen Haus, die Fahnenhalle, der Senatorensaal und der Standartensaal. Zudem werden jene Räume durch zahlreiche Rückgriffe auf den von Hitler bewunderten Dampfer Europa charakterisiert, etwa in Form der Wandleuchter und der rechtwinkligen Profilierungen. In den privaten Räumen, die nicht von Troost gestaltet wurden, herrschte dagegen ein heterogenes Sammelsurium vor.

immobilienreport: An der Umgestaltung des Königsplatzes (Bild links) mit Führerbau (großes Aufmacherbild ganz oben) und Ehrentempeln als Zentrum des neuen Parteizentrum der NSDAP zeigt sich ebenfalls der strenge Neoklassizismus von Troost. Was geht dabei auf Troost und was auf Hitler zurück?

Nüßlein: Inwieweit Hitler Einfluss auf die Gestaltung nahm, geht aus den Quellen nicht eindeutig hervor. Troost erwähnte, ohne konkret zu werden lediglich „Wünsche Hitlers den Grundriss“ betreffend. Es ist aber anzunehmen, dass der Kongresssaal im Führerbau und die Monumentalisierung der Entwürfe ab Februar 1932 auf Hitler zurückgingen. Die wesentlichen Merkmale von Troosts Neugestaltung des Königsplatzes ist der Ostabschluss durch die Zwillingsbauten Führerbau und Verwaltungsbau mit den dazwischen liegenden Pfeilerhallen der Ehrentempel. Sie sind dem neuartigen Zweck des Platzes als Aufmarschfläche und der Tatsache geschuldet, dass sich eine übergeordnete Gesamtplanung erst allmählich entwickelte.

 

 

immobilienreport: Als Vorzeigebau galt im Dritten Reich das von Troost entworfene Haus der Deutschen Kunst mit einer langen Säulenhalle. Weshalb entschieden sich Bauherr und Architekt für den Neoklassizismus als Baustil des neuen Regimes?

Nüßlein: Bei der Neugestaltung des Braunen Hauses dürfte, wie bei den meisten anderen Projekten, das neoklassizistische, städtebauliche Umfeld eine Rolle gespielt haben. Daneben bewunderten beide Männer aber auch die Bauten Ludwigs I. in München, zudem hielt Troost den Klassizismus aufgrund seiner Ursprünge in der griechischen Architektur und seiner Zeitlosigkeit als den geeignetesten Stil für die Kultur- und Verwaltungsbauten. Im Fall des Haus der Kunst ist der Einfluss von Friedrich Schinkels Alten Museum in Berlin mit seiner vorgelagerten Kolonnade, der Freitreppe und die Eckbauten unübersehbar. Kennzeichnend für den Neoklassizismus von Troost ist die formale Reduktion und die erhöhte Formlogik. Dies zeigt sich besonders deutlich an der strengen Spiegelsymmetrie der Fassaden von Führerbau und Verwaltungsbau, aber auch im Rasterschema, aus dem Troost den Grundriss des Haus der Kunst, und der anderen Bauten für Hitler, abgeleitet hat.

 

immobilienreport: Troost starb bereits im Januar 1934 im Alter von 55 Jahren. Seine damals erst 29-jährige Witwe Gerdy leitete zusammen mit Troosts Mitarbeiter Leonhard Gall die Fertigstellung der Bauten (Bild links; von links nach rechts: Ernst Hanfstaengl – Hitlers Auslands-Pressechef– , Leonhard Gall, Adolf Hitler, Gerdy Troost, Kunstchef Adolf Ziegler, Joseph Goebbels). Gerdy Troost verfasste das Standardwerk der NS Architektur "Das Bauen im neuen Reich" und galt neben Leni Riefenstahl als eine der wenigen Frauen, die das Ansehen des Diktators genossen. Weshalb?

Nüßlein: Obwohl Gerdy Troost bis Kriegsende im Umfeld Hitlers als Architekturberaterin tätig war und beispielsweise auch die Inneneinrichtung seines Landhauses auf dem Obersalzberg, den Berghof, gestaltete, wurde ihre Rolle bislang nicht eingehender wissenschaftlich untersucht. Ihre exklusive Stellung mag sich darin zeigen, dass Hitler die Riefenstahl und andere kulturpolitische Akteure in der Regel zu sich bestellte, im Falle Gerdy Troosts aber zumeist zu ihr ins Atelier kam und die Begegnungen deutlich zahlreicher waren. Vor 1939 fanden  sie beinahe wöchentlich statt. Sie war eine überzeugte Nationalsozialistin geworden und hatte einen persönlichen Zugang zu Hitler, wie ihn nur wenige Menschen hatten. Ein abschließendes Urteil über sie ist mangels Quellen bislang nicht möglich. Sie wäre sicherlich ein interessantes Forschungsprojekt, nicht nur bezüglich der Architektur im Nationalsozialismus.

immobilienreport: Herr Nüßlein, Danke für das Gespräch. 

 

 

Timo Nüßlein: Paul Ludwig Troost (1878 - 1934), Böhlau Verlag, 324 Seiten; 49 Euro

 

 

Bildnachweis schwarz-weiß: Aufmacherbild klein: Bundesarchiv Hitler bei der Einweihung Haus der Deutschen Kunst, 1937 (Bundesarchiv); Innenraum der SS Europa, 1930 (Bundesarchiv); Paul Ludwig Troost, (Aktuelle-Bilder-Centrale, Georg Pahl); Königsplatz, 1939 (Bundesarchiv); Im Haus der Kunst, 15 Mai 1937 (Bundesarchiv); Farbbilder: Ulrich Lohrer