Hans Hollein: Wiener Postmoderne

Im Alter von 80 Jahren ist Hans Hollein in Wien gestorben.  Der österreichische Architekt galt als einer der wichtigsten Vertreter der Postmoderne. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Mediale Line im Olympiadorf in München, das Haas-Haus am Wiener Stephansplatz und das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main.

 

Hans Hollein, der einer Familie aus Bergbauingenieruren entstammt, wurde am 30. März 1934 in Wien geboren. Als er vor wenigen Tagen noch seinen 80. Geburtstag feierte, trat er aus Krankheitsgründen bereits nicht mehr öffentlich auf. Hollein ist der einzige österreichische Architekt, der den Pritzker-Preis (1985), den Nobelpreis für Architektur, erhalten hat.

Die Begründung der Jury charakterisiert Holleins Schaffen treffend: „The Pritzker Prize Jury honors Hans Hollein as a master of his profession—one who with wit and eclectic gusto draws upon the traditions of the New World as readily as upon those of the Old. An architect who is also an artist, he has the good fortune to design museums that are then eager to place within their walls works of art from his hand, whether in the form of drawings, collages, or sculpture. In the design of museums, schools, shops, and public housing, he mingles bold shapes and colors with an exquisite refinement of detail and never fears to bring together the richest of ancient marbles and the latest in plastics.“

Nach dem Besuch der Bundesgewerbeschule in Wien studierte Hollein zunächst an der Akademie der Bildenden Künste in Wien (1953-1956), begab sich dann aber in die USA,  wo er nachhaltig in seinem Schaffen geprägt wurde. Nach seinem Diplomexamen (1956) absolvierte er dort von 1958 bis 1964 einen Studienaufenthalt zunächst am Illinois Institute of Technology in Chicago u. a. bei Mies van der Rohe und ab 1959 am College of Environmental Design der University of California, Berkeley. Während seines USA-Aufenthaltes  beschäftigte er sich auch mit den Prinzipien der indianischen Pueblo-Architektur mit dem skulpturalen Bauten mit ihren Wegen und Treppen im amerikanischen Südwestens, die ihn nachhaltig geprägt hat.

Karrieresprung durch Wiener Kerzen-Laden

Nach einem USA-Aufenthalt eröffnete er 1964 ein eigenes Architekturbüro in der österreichischen Hauptstadt. Seine Karriere begann mit einem Paukenschlag: 1965 erhielt er für die Gestaltung der lediglich 16 Quadratmeter großen Kerzenboutique "Retti" am Kohlmarkt in der Wiener Innenstadt den mit 25.000 Dollar dotierten Reynolds-Preis. Es handelte sich dabei nur um ein winziges Geschäft auf vierzehn Quadratmetern, bestimmt durch Aluminium und Spiegel, das als präzise und kostbare „Metallschachtel“ gestaltet wurde. Dabei schuf er „ein wahres Schatzkästchen, eine Melange aus Art Deco und Pop Art. Mit geschliffenem und eloxiertem Aluminium, verchromtem Stahl, cognacfarbenen Shantung-Wandbespannungen und Kunststoffvelour in Terrakotta-Optik“. Hollein befasste sich zu dieser Zeit mit der Frage autarker Minimalräume, er studierte Raumschiffe und Raumanzüge und definierte sie als perfekte Behausungen auf engstem Raum für ein Überleben unter extremsten Bedingungen. Auf der anderen Seite propagierte er pneumatische Gebilde, wie etwa ein „mobiles Büro“, das als aufblasbares Gehäuse den Prototyp einer leichten, provisorischen und transportablen Behausung darstellte.

Nach dem „Retti“ eitere Aufträge für exklusive Boutiquen und Galerien folgten, darunter die Richard Feigen Gallery in New York (1967–1969), das Juweliergeschäft Schullin I und II (1972–1974; 1984) auf dem Kohlmarkt im Zentrum Wiens, sowie die New Yorker Filiale des Münchener Modehauses Ludwig Beck im Trump Tower (1981–1983), in der er klassische Bauelemente mit bajuwarischem Heimatstil verband.

Mediale Linie im Olympischen Dorf in München.

Der Slogan des Wiener Architekten und Designer Hollein lautete „Alles ist Architektur“. 1972 bewies Hollein mit einem Vielzweck-Wegweiser für das Olympiadorf in München, dass tatsächlich „alles Architektur“ war. Sein Röhrensystem war ein kommunikatives Ideal: Als Orientierungshilfe durch verschiedene Farben durch Beleuchtung, Information mit Dia-Projektoren und Fernsehschirmen, Infra- und Fußbodenheizung und sogar kühlende Frischluft samt Wassersprühanlage. Durch dieses an der griechischen Mythologie angelehnte „Ariadne-Prinzip“ schaffte er mit der „Media-Linie“ in fünf Farben eine klare Orientierung in einem scheinbar labyrinthischen Anlage. Es ist daher nicht überaschend, dass Hollein als Universalgenie auch Möbel entworfen, für Alessi und Munari Haushaltsgegenstände und Industriedesigns gestaltet hat. So entwarf er beispielsweise auch das Gäste- und Belegschaftskasino des Palais am Wittelsbacherplatz in München der Carl Friedrich von Siemens Stiftung.

 

Empörung um das Haas-Haus

In Wien baute er 1987–1990 das neue Haas-Haus. Er ersetzte damit am Stephansplatz den Bau aus den 1950er Jahren, der an der Stelle des im Zweiten Weltkrieg zerstörten ersten Wiener Warenhauses aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts errichtet worden war.

Durch den verspiegelten Erker setzt das Gebäude einen starken städtebaulichen Akzent, der einen deutlichen Kontrast zum gegenüberliegenden Stephansdom bildet. Deshalb sorgte es zur Zeit der Neuerrichtung für kontroverse Debatten. Im Inneren war es ursprünglich geprägt von einem sich konisch nach oben erweiternden Zentralraum, der nach dem im Jahr 2002 erfolgten Umbau allerdings verloren gegangen ist.

 

Pueblo-Architektur am Niederrhein

Der Wiener Architekt entwarf auch zahlreiche Museumsbauten, von denen allerdings einige wie das Guggenheim-Museum in Salzburg oder das Guggenheim-Museum in Wien aufgrund politischer Widerstände verhindert wurde. 1982 hatte er in Mönchengladbach mit dem Städtischen Museum Abteiberg neue Maßstäbe für die Museumsarchitektur gesetzt, indem er sein Ideal einer betretbaren, überwachsenen Architektur im Stil der Pueblo-Architektur verwirklichte. Die Außenhaut war ein System gebogener Terrassen und detaillierter Ziegelmauern, eine Zusammensetzung unterschiedlicher Baukörper und ist eines der seltenen öffentlichen Gebäude, in die man sich hinunter begibt. Die Besucher betreten über eine Brücke das Dach des Museumsbaues und gelangen dort in das Innere.

 

Frankfurter Tortenstück

Am 17. Mai 1983 gewann Hollein mit seinem Entwurf den Architektenwettbewerb um das neue Museum für Moderne Kunst in Frankfurt. Er beruht auf dem Ansatz, dass es in einem Museum keinen neutralen Raum geben könne, „sondern nur charakteristische Räume unterschiedlicher Größenordnung (und ihre Erschließung), mit denen das Kunstwerk eine Dialektik eingeht – in gegenseitiger Potenzierung“. Das dreigeschossige Gebäude ist der umliegenden Umgebung angepasst und zeichnet sich maßgeblich durch die „Dreiecksform“ und Fassadengestaltung aus. Es wird in Frankfurt und von Kennern auch als „Tortenstück“ bezeichnet.

Rituale heiliger Plätze

Hans Hollein sorgte nicht nur mit seinen besonderen Bauten für Aufmerksamkeit und Kontroversen, sondern machte sich auch als Architekturtheoretiker einen Namen. Dabei spielte die Magie der Bauten eine besondere Rolle. „Das Vollziehen sakraler Riten und das Errichten oder Bezeichnen heiliger Plätze gehörte zu den ersten Beschäftigungen des Menschen. Gleich ob augenfällig oder getarnt, helfen sie, das Leben einzurichten. Manche heutige Zivilisation hat ihre Fähigkeit für Todesriten verloren. Das ist ein Zeichen des Verlusts der Fähigkeit, zu leben.“ (Hans Hollein)

 

 

Bilder: Aufmacher-Bild Haas-Haus – Friedrich Böhringer; Hans Hollein 1976 – Smithsonian Institution Archives (SIA); Kerzengeschäft Retti – Pritzker-Prize (Franz Hubmann); Museum Abteiberg – Hps-poll/Wikipedia; Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main – Eva K., MMK