BMW: 40 Jahre Vierzylinder und BMW-Museum

Im Frühjahr 1973 weihten BMW die Konzernzentrale und das Museum ein. Auch 40 Jahre danach beeindruckt die Architektur des Wiener Karl Schwanzer mit ihrer Kühnheit und Zeitlosigkeit.

 

Der größte Vierzylinder der Welt bildet nicht nur das perfekte Symbol für den Automobilhersteller BMW, sondern ein Wahrzeichen Münchens. Zusammen mit dem zeitgleich entstandenen und direkt angrenzenden Olympiapark steht es für die das hohe Architekturniveau der damals noch jungen Bundesrepublik. Während Günter Behnischs und Frei Ottos transparente und leichte Dächer des Oympiastadion für die Offenheit und Bürgernähe der Republik standen, zeigte Karl Schwanzers die Kraft und technische Spitzenstellung der deutschen Wirtschaft.

In den 1960er Jahren befand sich BMW in einem Stadium außergewöhnlicher Expansion. Die ständig steigenden Produktionszahlen brachten neben der notwendigen Erweiterung von Fertigungsstätten auch einen erhöhten Platzbedarf im Verwaltungsbereich mit sich. In einer Vorstandssitzung am 14. Juni 1966 legte Produktionsvorstand Wilhelm Hermann Gieschen erstmals Planungen für ein neues Verwaltungsgebäude vor. Als Ort für das neue Verwaltungshaus wurde der Platz südlich des BMW Werks mit einer Grundfläche von 28.210 Quadratmeter ausgewählt, der direkt an die Dostlerstraße und somit an den Haupteingang des BMW Werks anschließt.

Im April 1968 hatte der Automobilkonzern acht Architekten dem Wettbewerb um den Neubau seiner Konzernzentrale und des Verwaltungsbaus eingeladen. Auf die Präsentation der eingereichten Entwürfe am 10. Oktober 1968 folgend, gelangten schließlich das eher konventionell gestaltete „Scheibenhochhaus“ der Aktiengesellschaft für Industrieplanung und die fast 100 Meter hohe, futuristische „Hängekonstruktion“ des Wiener Architekten Professor Karl Schwanzer (Bild links) in die engere Wahl.

BMW Vertriebschef Paul Hahnemann erkannte im technisch gewagten Entwurf Schwanzers das Potential, ein architektonisches Wahrzeichen für BMW zu werden und setzte sich für dafür ein. Um den BMW Vorstand, Aufsichtsrat und die Großaktionäre zu überzeugen, ließ Hahnemann ein 1:1 Modell einer kompletten kleeblattförmigen Etage auf dem Bavaria Filmgelände errichten. Der Vertriebschef hatte Erfolg: Das Rennen machte der Entwurf des Wiener Architekten.

 

Der erst 39-jährige Karl Schwanzer, ein Schüler des Brasília-Planers Oscar Niemeyer, hatte mit der fast 100 Meter hohe Hängekonstruktion einen mutigen Entwurf vorgelegt: Weltweit gab es nur wenige Beispiele für die Konstruktion eines „Hängehauses“, keines erreichte die Höhe des Entwurfs von Professor Schwanzer für BMW. Am zentralen Kern, dem „Hochhausschaft“ aus Stahlbeton, wurden vier riesige Kragarme angebracht, an denen die vier 18 Geschosse hohen Zylinder mit einem Gesamtgewicht von 16.800 Tonnen aufgehängt wurden. Für die Errichtung mussten die am Boden entstandenen Teile hydraulisch nach oben bewegt werden. Die einzelnen Geschosse entstanden dann während des Baus von oben nach unten. Für die Fassade wurden gegossene Aliminiumteile verwendet.

Der BMW-Turm als größter Vier-Zylinder der Welt sorgte nicht nur für eine ideale Identifikation mit dem Autohersteller, sondern unterlag in seiner Konstruktion  auch einer radikalen Rationalität und Funktionalität. Die kleeblattförmige Grundriss sorgte auf jedem Stockwerk für die bestmögliche Kommunikation im Team. Nach Schwanzers Logik brachte dies kurze Arbeitswege zur bestmöglichen Informationsaustausch und eine gute Büroorganisation zwischen den einzelnen Abteilungen sowie optimale Variabilität bei der Raumeinteilung.

 

Dem Verwaltungsbau angegliedert ist die silbergrau gestrichene Betonschüssel des BMW-Museums. Obwohl beim Architekturwettbewerb 1968 kein Automobilmuseums gefordert wurde, konstruierte Schwanzer das eigenständige Gebäude. Der Architekt entwarf im Inneren ein Gerüst aus Rundpfeilern und Rampen. Die äußere Hülle, eine relativ dünne Betonschale, wurde nach dem Prinzip einer selbsttragenden Karosserie errichtet.

 

Der auch als Salatschüssel oder Weißwurstkessel bekannte silbern-futuristische Bau hat einen 20 Meter Durchmesser, das Flachdach circa 40 Meter. Vom Eingang im Erdgeschoss begeben sich die Besucher zum Empfang im Keller und besichtigen dann auf einem spiralförmig nach oben laufenden Weg die Ausstellung. Die Idee wurde von Frank Lloyd Wright Guggenheim-Museums in New York übernommen.

2004 wurde das Hochhaus komplett saniert und das Museum zudem mit einem angrenzenden Flachbau nach einem neuen Museumskonzept durch das Stuttgarter Atelier Brückner auf das Fünffache erweitert. Auch wenn das gegenüberliegende, von COOP Himmelb(l)au und Wolf D. Prix 2001 entworfene Auslieferungszentrum BMW-Welt um ein Vielfaches größer ist, kann es nicht mit der zeitlosen Eleganz von Karl Schwanzers Bauten mithalten. Vierzylinder und BMW-Museum sind die bekanntesten Bauten des österreichischen Architekten, der sich nur zwei Jahre nach deren Eröffnung das Leben nahm.

 

Bilder: BMW Group; Ulrich Lohrer