Das Westend macht sich schön

Im ehemaligen Arbeiter- und Brauereiviertel lässt sich zwischen Altbauten, Industriedenkmäler sowie netten Cafés und Kneipen zwischen der Landsberger Straße und den Gleisanlagen gut wohnen. Sanierungsmaßnahmen und vereinzelte Neubauten haben das Westend aufgewertet, Genossenschafts- und sozial geförderte Wohnungen halten die Gegend zum wohnen erschwinglich.

 

An den heißen Sonnenabenden drängen sich die Gäste auf der Terrasse des Bräustüberl. Kalbfleischpflanzerl mit Gurkensalat für 6,60 Euro oder ein Allgäuer Lendenpfanderl mit Kässpätzle und Schwammerl für 9.95 Euro, dazu eine halbe Weißbier für 2,85 Euro sind für Münchner Verhältnisse sehr humane Preise. Der rote Backsteinbau entlang der Landsbergerstraße im Westend enthält nicht nur eine der wenigen noch in München aktiven Großbrauerein, sondern auch die älteste der Stadt.

Das Westend ist eines der klassischen Münchner Arbeiter und Gewerbeviertel, das der Ansiedlung von Brauereien und dem Bau der Bahnanlagen seine Entstehung verdankt. Bereits seit dem 17. Jahrhundert nutzten die Brauereien die Erhebung der Theresienhöhe zur Errichtung von Bierkellern für die Lagerung des Gerstensaftes. Die darüber entstandenen Biergärten profotierten von dem seit 1810 durchgeführten Oktoberfest an der angrenzenden Theresienwiese. An der heutigen Hackerbrücke hatte die Brauerei Hacker-Pschorr ihr Lager, an der Theresienhöhe befand sich der Bavaria-Keller und entlang der Landsbergerstraße baute später die Augustiner Brauerei ihre Anlagen aus. Dahinter entstanden durch die Bahnlinie nach Augsburg ab 1865 Gewerbe- und Industrieanlagen. Bereits 1839 wurde mit dem Bau der Bahnlinie entlang der Landsbergerstraße nach Augsburg begonnen, 1871 zweigte mit dem Bau der Gürtelbahn eine Bahnschleife nach Süden ab. Entlang der Ligsalzstraße bestanden kleine  zweigeschossige Häuser für Brauereiarbeiter. Ab den 1880er-Jahren wurden im Westend viergeschossige Mietshäuser gebaut, die auch heute noch den Charakter des Viertels prägen. Die neuen Straßen wurden nach Münchner Patriziergeschlechter Gollier, Donnersberger, Kazmaier, Ligsalz, Ridler und Tulbeck benannt.

Ab 1900 wurde das westliche Westend errichtet, das mit den Mietshäusern im Stil der Neurenaissance und des Neubarocks zum Teil auch eine etwas bessere Bausubstanz aufweist, als die zuvor errichteten Mietshäuser. Auch wurde der Gollierplatz – heute denkmalgeschütztes Ensemble – mit Gabriel von Seidls neuromanische Pfarrkirche St. Rupert, Carl Hocheders Bergmannschule und den Wohnanlagen von Ludwig Naneder als urbaner Mittelpunkt des Viertels angelegt. 1909 bis 1912 wurde an den Gleisanlagen der Monumentalbau des Hauptzollamtes mit seiner riesigen Glaskuppel errichtet (Bild rechts). Weitere architekturhistorisch bedeutende Bauten entstanden in den 1920er-Jahren mit Theodor Fischers Ledigenheim und den Moll-Häuser (von Fischer und Otho Orlando Kurz, Bild unten rechts) an der Ganghoferstraße. Das Viertel, das zuvor noch weite unbebaute Grundstücke aufwies, wurde durch die Wohnblöcke von Baugenossenschaften (Baugenossenschaft Rupertusheim, Baugenossenschaft Ludwigsvorstadt, Baugenossenschaft Familienheim München) in den 1920-er bis 1930er-Jahren zunehmend verdichtet.

Von den extremen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg blieb das Viertel weitgehend verschont. Das Westend wurde durch Sanierungsmaßnahmen seit etwa der 1990er-Jahre aufgewertet, eine Gentrifizierung wie bereits vor Jahren Haidhausen und das Glockenbachviertel erfasste, erfolgte jedoch nicht in dem Ausmaß. Allerdings stiegen auch Preise und Mieten im Zuge des Ausbaus des angrenzenden neuen Wohnviertels Theresienhöhe auf der Fläche der Alten Messe.

So wurde der gegenüberliegende Georg-Freundorfer-Platz 2006 neu gestaltet und gewann den Preis der Stiftung "Lebendige Stadt" für den besten Spiel- und Freizeitplatz Deutschlands.

Weiter östlich erbaute der Projektentwickler Accumulata an der Ganghoferstraße entlang den Gleisanlagen vor kurzem die Medienfabrik (Bild links). Das Büroquartier, nun im Besitz des Offenen Immobilienfonds hausinvest, besteht aus sanierten Altbauten und moderner Loftarchitektur aus Ziegelgebäuden und bunten Bürofassaden mit Feng Shui-Innengärten. Parallel dazu entstand an der Ridlerstraße durch Conceptbau eine Anlage mit 66 Eigentumswohnungen, die bereits alle verkauft sind (Bild rechts).

Aktuell größtes Neubauprojekt des Bezirks ist eine Anlage der städtischen Wohnbaugesellschaft MGS München in einem Hinterhof der Schießstättstraße, wo sich ehemals Parkplätze und eine überdimensionierte Gewerbehalle befand. Die ehemals ansässigen Firmen fanden neue Standorte, zum Teil im MGS Gewerbehof am Westpark. „Im April diesen Jahres haben wir mit den Hochbauarbeiten für eine Stadtteilbibliothek mit Lesegarten sowie für die 25 Wohnungen begonnen“, erläutert Barbara Schmidt, Projektleiterin Technik bei der MGS. „ Es handelt sich um EOF-Wohnungen, also um Wohnungen, die einkommensorientiert von der Landeshauptstadt München gefördert werden. Die Ein- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen haben eine Größe von 40 bis 135 Quadratmeter Wohnfläche.“ Zudem entstehen 40 Tiefgaragenstellplätze. Die von den Münchner prpm-Architekten entworfene Anlage soll Anfang 2014 fertig gestellt sein. Der Innenhof soll nicht nur die Nachbarhöfe vernetzen, sondern auch die Bibliotheksbesucher zum schmöckern und verweilen einladen, wo Kinderspielplätze entstehen und  Obstbäume gepflanzt werden.

Die Baustelle in der Schießstättstraße ist nicht das einzige Projekt der MGS in der Gegend.  Seit etwa zwei Jahrzehnte betreibt die MGS im Westend Stadtteilsanierung, indem sie Altbauten modernisiert, Immobilienbesitz für die Stadt München im Treuhandvermögen verwaltet, verkauft und erweitert. Das wohl architektonisch interessanteste Objekt ist dabei das im Jahr 2005 fertig gestellte terracottafarbige Wohn- und Geschäftshaus in der Holzapfelstraße gegenüber der Augustiner Brauerei. Der von Fink + Jocher Architekten gestaltete kubische Baukörper heimste zahlreiche Architekturpreise ein und sorgt mit seiner Doppelverglasung entlang der stark befahrenen Landsberger Straße zusammen mit einem ausgeklügelten Belüftungskonzept für relativ ruhiges und energieeffizientes Wohnen.

Weiter westlich entsteht in der Westendstraße 98 neben dem Discounter Lidl ein Wohn- und Gewerbegebäude mit 20 Mietwohnungen (zwei- bis vier Zimmer) und einem DM-Drogeriemarkt durch das Bauunternehmen Anton Schick aus Bad Kissingen. Die Fertigstellung ist für Juni 2013 geplant.

Weit größer sind die in der Landsberger Straße gelegenen, vor kurzem fertig gestellten  Donnerberger Höfe mit 177 Mietwohnungen.  Die gemeinsam von der Düsseldorfer PDI Property Developement Investors GmbH und der Kölner Strabag Real Estate erstellte, seit April 2012 voll vermietete Wohnanlage wurde gerade an einen Immobilienfonds verkauft.

 

 

 

Das Viertel in Zahlen

 

Das Westend ist neben der Schwanthalerhöhe ein Bezirksteil des ebenfalls als Schwanthalerhöhe bezeichneten achten Stadtbezirks. Das Westend wird im Norden, Westen und im Süden von den Gleisanlagen begrenzt. Im Osten verläuft die Grenze zum Nachbarschaftsviertel Schwanthalerhöhe entlang der Ganghoferstraße bis zur Schwanthalerstraße und von dort entlang zur Holzapfelstraße und zur Grasserstraße bis zur Hackerbrücke. Im Norden befindet sich die Bezirke Maxvorstadt und Neuhausen-Nymphenburg, im Westen Laim und im Süden Sendling-Westpark.

 

 

Einwohner: Das Westend ist ein sehr dicht bewohntes Stadtviertel mit relativ jungen Einwohnern und einem hohen Ausländeranteil.

Infrastruktur: Das Viertel ist gut an das ÖPNV-Netz angebunden: Im Norden gibt es zwei (Hackerbrücke, Donnersbergerbrücke) und im Süden eine S-Bahnhaltestelle (Heimeranplatz), zudem verlaufen die U-Bahnlinien U4 und U5 (Schwanthalerhöhe, Heimeranplatz) durch das Viertel. Es verfügt über mehrere Plätze, darunter dem Georg-Freundorfer-Platz, der 2006 als bester Spiel- und Freizeitplatz Deutschlands ausgezeichnet wurde. Stadtteilkultur findet im Griechischen Haus Westend, im Kulturkeller (Kultur- & Vereinskeller D'Schwanthalerhöh' e.V.), im KulturLaden Westend sowie im Multikulturellen Jugendzentrum (MKJZ) statt. 

Das Westend hat drei katholische, die St. Benedikt (Bild links mit der internationalen Kita im Vordergrund), St. Rupert (Bild weiter oben links) am Golliersplatz von Gabriel von Seidl, Maria-Heimsuchung (1934, Bild rechts unten) in der Westendstraße von Oswald Bieber und die evangelische Auferstehungskirche (1931) neben dem Ledigeheim in der Bergmannstraße von German Bestelmeyer.

Der Gewerbehof Westend wurde 1984 in Betrieb genommen und ist mit rund 27.000 Quadratmeter Mietfläche bis heute der größte Gewerbehof des Betreibers MGH. Er liegt zentral zwischen der S-Bahnstation Donnersberger Brücke und der U- und S-Bahnstation Heimeranplatz. Der Gebäudekomplex besteht aus zwei Bauabschnitten; die Gebäude haben vier und fünf Stockwerke. Zu der Anlage gehört ein Parkhaus mit über 380 Stellplätzen, weitere 94 Stellplätze befinden sich im Hof. 

 

 

Immobilien:

Wohnimmobilien: In den vergangenen Jahren erfreute sich das Westend zunehmender Beliebtheit unter jüngeren Wohnungssuchenden. Zwar bestehen über zahlreiche Wohnungsgenossenschaften viele Wohnungen, doch werden dort nur relativ wenig frei (siehe Bild links oben, typische Genossenschaftsgebäude von Ludwig Naneder an der Ridlerstraße).

Größere neue Wohnanlagen entstanden in den vergangenen Jahren entlang der Westendstraße, der Ridlerstraße (Conceptbau, siehe Bild links) und an der Landsberger Straße (Donnersberger Höfe). Preise und Mieten sind auch hier in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

Laut dem Mietspiegel der Landeshauptstadt München wird das gesamte Westend als "durchschnittliche Wohnlage" eingestuft.

 

Gewerbeimmobilien: Mit der Medienfabrik entlang den Gleisanlagen und der Ganghoferstraße entstand in den vergangenen Jahren ein neues, hochmodernes Büroareal. Weitere Büroimmobilien befinden sich entlang der Ridlerstraße und den Gleisanlagen sowie zwischen Landsberger Straße und S-Bahn-Stammstrecke.

 

 

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