Südgiesing: Wohnen am Perlacher Forst

Südgiesing ist der schöne und oft übersehene südliche Bezirksteil von Obergiesing-Fasangarten. Mit der Amerikaner-Siedlung am Perlacher Forst und der Siedlung am Fasangarten bietet das Viertel für Familien viel grün. Einige Häuser haben aber eine dunkle Vergangenheit.

 

Beim ehemaligen Forsthaus (siehe Bild links) am Perlacher Forst wurde ab Mitte des 18. Jahrhunderts eine Fasanenzucht betrieben. Weil der Fasan als delikates Wildgeflügel geschätzt wurde, dienten die Hühnervögel als unersetzliche Beigabe zur richtigen Jagdsaison.

Obwohl die Zucht bereits 1805 am Forsthaus aufgegeben wurde, erhielt die dort in den 1920er-Jahren erbaute Siedlung den Namen Fasangarten. Der Stadtbezirk heißt heute Obergiesing-Fasangarten, auch wenn das Arbeiterviertel Obergiesing mit seiner dichten Bebauung mit Mietshäusern so gar nicht zu der Waldsiedlung mit ihren Einfamilienhäusern passt. Der Fasangarten ist die einzige Wohngegend des Bezirks, die laut Mietspiegel 2015 nicht als durchschnittliche, sondern als gute Wohnlage gilt.

Die nordwestliche Grenze des Viertels bildet die Stadelheimer Straße und die Tegernseer Landstraße, dessen Autoverkehr hier durch den McGraw-Graben nach Süden in die A 8 braust. Diese Ecke vermittelt einen ungemütlichen Eindruck des sonst grünen und ruhigen Bezirksteils Südgiesing.

St. Adelheim mit trauriger Prominenz

Zwischen den Verkehrsachsen befindet sich zudem ein Gebäudekomplex, dessen Bewohner sich dort nicht freiwillig aufhalten: die Justizvollzugsanstalt (JVA) München. Sie wurde 1894 unter dem Namen Gefängnis Stadelheim bezogen und ist heute mit einer „Kapazität von 1379 Haftplätzen“ eine der größten JVAs in Deutschland. In „St. Adelheim“, wie es auch von den Giesingern genannt wird, spielten sich dunkle Kapitel der deutschen Geschichte ab. 1919 wurden nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik durch  Freikorps dort die Räte Gustav Landauer und Eugene Leviné getötet. 15 Jahre später ließ Hitler in Zelle 70 den am "weißen Terror“ beteiligten Freikorps-Mann und „Duz-Freund“, den SA-Stabchef Ernst Röhm, wegen des angeblichen „Röhm-Putschs“ erschießen. 1943 wurden  hier Hans und Sophie Scholl von der „Weißen Rose“ bestialisch ermordet.

Spätere prominente „Stadelheimer“, wie der koksende Liedermacher Konstantin Wecker oder der wegen dem Bau der Allianz-Arena vom Alpine Konzern bestochene Ex-Sechzger-Präsident Karl-Heinz Wildmoser, konnten das Gefängnis immerhin lebend verlassen.

Flüchtlinge in der ehemaligen NSDAP-Reichszeugmeisterei

Nur etwas attraktiver sind die Unterkünfte in der gegenüberliegenden McGraw-Kaserne. Dort sind außer der Polizei und 50 Studentenapartments in den Monumentalbauten auch in neu errichteten Container-Unterkünften zahlreiche Flüchtlinge einquartiert. Der in Stahlskelettbauweise von Paul Hofer und Johann Fischer entworfene Komplex wurde ab 1935 als Reichzeugsmeisterei vorwiegend für den NS-Fuhrpark errichtet. Von 1945 bis 1992 wurde das Areal von der US-Army als Kaserne genutzt und zusätzlich ausgebaut. Zuletzt wurde überlegt, Gebäudeteile abzureißen und stattdessen Wohnungsneubauten, etwa für Polizeimitarbeiter, zu errichten. Die Polizei nutzt bereits große Teile des Gebäudekomplexes als Büros, Wohnungen und die riesige Großgarage als Abstellplatz für ihre Fahrzeuge.

Tram-Werkstätte als Event-Location

An der Nordöstlichen Grenze des Viertels befindet sich ein weiterer beeindruckender Hallenbau, den der Bauunternehmer und Architekt Karl Stöhr als Stahlbetonkonstruktion bereits 1918 – knapp 20 Jahre vor dem Bau der Großgarage der Reichszeugmeisterei – errichtet hatte. Der 112 Meter lange Hallentrakt wurde ein Jahr später von der Stadt München erworben und zur Straßenbahn-Hauptwerkstätte umgebaut. Heute dient der eindrucksvolle Hallenbau zudem als MVG-Museum, der auch für Veranstaltungen gemietet werden kann.

BIMA verkauft Liegenschaften der Ami-Siedlung

Geradezu idyllisch wirkt dagegen eine andere im Kalten Krieg von der US-Army genutzte Gegend des Viertels. Südlich des grünen Friedhofs am Perlacher Forst  mit seinem burgartigen Zentralgebäude (siehe Bild unten links) von Fritz Beblo und Hermann Leitenstorfer entstand ab 1953 die Siedlung am Perlacher Forst.

Die Amerikaner-Siedlung, auch kurz Ami-Siedlung genannt, wurde auf einer eigens dafür abgeholzten Waldfläche des Perlacher Forstes für die US-Besatzungssoldaten und deren Angehörigen errichtet. Die typische amerikanische Siedlung mit breiten, geschwungenen Straßen und mit mehrgeschossigen Wohnungsbauten als Mannschaftsunterkünfte kleineren Doppel- und Reihenhäuser für Offiziere wurde zwischen parkartigen Grünflächen errichtet.

Die damals nahezu autarke Siedlung verfügt über eigene Schulen, Einzelhandel und das US-Filmtheater Cincinnati. Nach dem Abzug der Amerikaner wurde die komplette Ami-Siedlung von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) übernommen, die einzelne Liegenschaften mittlerweile an private Eigentümer verkauft hat.

Umnutzung und Erweiterung der Bestandsgebäude

So befindet sich im ehemaligen US-Krankenhaus inzwischen das Bundespatentgericht und eine Außenstelle des Deutschen Patent- und Markenamts.

Einige Mehrfamilienhäuser wurden über Wohnungsbauträger saniert und als Eigentumswohnungen verkauft. Im Rahmen der Modernisierung der Wohnsiedlung führt die BIMA auch als Pilotprojekt eine Bestandsoptimierung eines viergeschossigen Gebäudes mit der Nummer 327 durch, die de facto ein völliger Neubau ist.

Auch einige Einzel- und Doppelhäuser sind – wie an der Sanierung und kleinen Umbauten ersichtlich – von Familien als Eigenheime erworben worden, andere will die BIMA weiter verkaufen.

 

Große Bauprojekte für Schulen und Nahversorgungszentrum

Mittlerweile kommt die 1955 erbaute ehemalige amerikanische Schule an die Kapazitätsgrenze. 1993 hatte die Stadt München die unter Leitung des Architekten Karl Lobl vorbildhaft im Pavillon-Stil entworfene Schule erworben und abschnittsweise in eine Haupt- und Grundschule umgebaut. Leider wurde dadurch der Charakter der eleganten 1950-er-Jahre-Anlage dabei weitgehend zerstört.

Um auch den steigenden Bedarf an Schuleinrichtungen aus dem angrenzenden Bezirk Ramersdorf-Perlach mit dem neu entstehenden Wohnquartier an der Hochäckerstraße bzudecken, wurde beschlossen, einen Ableger (Annex) der Europäischen Schule im Fasangarten zu errichten. Aktuell lässt die BIMA in der Siedlung am Perlacher Forst – bis 2019 diese Europäische Schule an der S-Bahnhaltestelle Fasangarten bauen.

Der Entwurf (Visualisierung links oben) stammt von dem Berliner Architekturbüro Léon Wohlhage. Der Annex der Europäischen Schule ist zunächst für 1300 Schüler, später für 1800 Schüler ausgerichtet.

Südlich daran errichtet Development Partner ein Wohn- und Geschäftszentrum mit Nahversorgungszentrum. Pächter sind die HIT Handelsgruppe und gambino Hotels. Die 37 Wohnungen will Development Partners bei Fertigstellung vermieten.

Eine größere Wohnanlage entsteht zudem südlich der Ami-Siedlung in der Siedlung Fasangarten. Östlich der S-Bahnlinie, im Fasangarten 127 (siehe Bild links), gegenüber dem markanten Holzgebäude der rumänisch-orthodoxen Kirchengemeinde, baut die BPD Immobilienentwicklung mit „natural living“ vier Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 24 Wohnungen. Die Wohnungen sind allerdings bereits alle verkauft. Kein Wunder, der Perlacher Forst hat nicht nur für Fasanen, sondern auch für Familien einiges zu bieten.

 

Das Viertel in Zahlen

Die Bezirksteile Südgiesing und das nördlich gelegene Obergiesing bilden zusammen den 17. Münchner Stadtbezirk Obergiesing-Fasanengarten. Beide Bezirksteile werden voneinander durch die Stadelheimer Straße getrennt.

Im Osten bilden die Gleisanlagen die Grenze zum 16 Münchner Stadtbezirk Ramersdorf-Perlach mit seinen an Südgiesing angrenzenden Bezirksteilen Balanstraße West (nordöstlich) und Altperlach (südöstlich). Die urpsrünglich wild erbaute Siedlung am Fasanengarten befindet sich im Südwesten.

Die Siedlung Fasangarten wurde 1937 in München eingemeindet. Etwas südlich von der Fasangartenstraße befindet sich die Stadtgrenze von München, die zugleich Südgiesing im Süden zu den Nachbargemeinden Neubiberg (im Südosten) und Unterhaching (Süden) abtrennt.

Im Westen verläuft die Südgiesinger Bezirksteilgrenze entsprechend der Münchner Stadtgrenze an der A 3  – gegenüber befindet sich der gemeindefreie Perlacher Forst. Weiter nördlich geht die A 3 in die Tegernseer Landstraße über, der Westgrenze Südgiesings zu Neuharlaching, einem Bezirksteil von dem Stadtbezirk Untergiesing-Harlaching.

Einwohner: Südgiesing hat viele Familien mit Kindern. Das Durchschnittsalter von 38,9 Jahren liegt unter dem Stadtdurchschnitt.

Der Ausländeranteil und der Anteil der Single-Haushalte ist relativ gering.

Infrastruktur:  Im Viertel besteht über den S-Bahnhof Fasangarten Anschluss an die S3.  Etwas westlich von Südgiesing kann zudem am Mangfallplatz die U-Bahnlinie U1 benutzt werden. Die Straßenbahnlinie 17 hat ihre Endhaltestelle am Friedhof Perlacher Forst und nahe der JVA. Auch verkehren Buslinien entlang der Stadelheimer Straße, der Balanstraße und in der Ami-Siedlung. Einzelhandel und Gastronomie ist im Viertel eher unterrepräsentiert und eher in Obergiesing (Giesing Bahnhof) und Neuharlaching (Mangfallplatz) zu finden, weshalb das im Bau befindliche Nahversorgungszentrum an der S-Bahn-Haltestelle Fasanengarten bei Fertigstellung die Versorgungslage deutlich verbessern wird.

Immobilien: Im Gegensatz zu Obergiesing ist das Angebot an Mietswohnungen in Südgiesing sehr gering. Auch Eigentumswohnungen werden kaum zum Kauf angeboten.

 

Text: Ulrich Lohrer, 16.03.2016

Fotografien: Ulrich Lohrer