Wohnen am Großmarkt

Das Sendlinger Feld ist eine Domäne der Wohnungsgenossenschaften und gilt als klassisches Arbeiterviertel. Dies täuscht, das Viertel hat sich gewandelt. Zunehmend wohnen hier besser verdienende Angestellte. Und der Sendlinger Bezirksteil hat weiteres Aufwertungspotenzial.

 

Bis vor gut hundert Jahren verdiente die Fläche zwischen dem Dorf Untersendlung und der Isar zu Recht ihren Namen: Sendlinger Feld. Bis weit in die Zeit der Weimarer Republik bestand das Gebiet zwischen dem Münchner Schlachthof und Thalkirchen aus großen Wiesenflächen und Äcker. Heute ist es eines der am dichtesten bewohnten Stadtviertel Münchens.

Der Bau von Gleisanlagen – wie auch in vielen anderen Gebieten Münchens – führte zu einer rasanten Besiedlung. Mit der neuen Gürtelbahn entstand um 1870 im Norden des Gebietes Mitten im Feld der Süd-Bahnhof. Nördlich davon ließ Stadtbaurat Arnold Zenetti den Schlachthof erbauen, für den Süden entwarf Zenetti einen Stadtplan für Untersendling und das Sendlinger Feld mit Wohnbebauung um große Rundflächen und geschwungenen Straßen. Stattdessen siedelte sich aber zunächst entlang den Gleisanlagen nur Industrie an: Bei der Lindwurmstraße die Krauß´sche Lokomotivenfabrik, die Sugg ´sche Eisengießerei sowie die Kochelbrauerei, weiter östlich am neuen Südbahnhof befanden riesige Lagerhallen der Stadt und der Städtische Holzhof. Wo es Arbeit gab, zogen die Menschen hin.

Doch eine Bleibe war schwer zu finden: Die Mieten stiegen deutlich stärker als heute und das Wort Wohnungsnot hatte auch eine andere Bedeutung, da die Arbeiter selbst in Massenunterkünften kaum Platz fanden. Nach einem Wettbewerb wurde Zenettis Pläne von Theodor Fischers Stadterweiterungsbüro völlig geändert: So wurde die Errichtung malerischer Plätze nach der Idee von Karl Henricis vorgesehen, statt Zenettis runde Zieranlagen wurde aber ein klares Bebauungsraster entwickelt. Die drei, weit voneinander gelegenen bebauten Bereiche des Sendlinger Feldes – entlang  der Lindwurmstraße, der Brudermühlstraße und Thalkirchen, sollten mit einer Parallelstraße zur bestehenden Thalkirchner Straße, die Implerstraße durch neue Häuser verbunden werden.

Als Ausgangspunkt des malerischen Gotzinger Platzes errichtete Hans Grässel im freien Feld einen monumentalen Schulbau (Bild oben links). Doch statt Mietshäuser für Arbeiter, ließ der Stadtrat östlich davon anstelle seiner Lagerhallen einen moderne Großmarkthalle nach den Plänen des jungen Architekten Richard Schachner errichten.

Die 1912 fertig gestellte Anlage sorgte zwar für Arbeitsplätze, aber nicht für Wohnraum. Es kam zu Protesten und Demonstrationen wohnungssuchender Arbeiter. Nur vereinzelt entstanden Geschosswohnungsbauten. So errichtet um 1919 das Bau- und Architekturunternehmen Heilmann und Littmann mitten im Sendlinger Feld – am heutigen Valleyplatz  – für die „Terrain-Aktiengesellschaft Bavaria“ eine Blockbebauung. Dort zu wohnen konnten sich die Arbeiter aber kaum leisten. Für Abhilfe sorgten erst nach und nach die neu gegründeten Wohnungsbaugenossenschaften. So erbaute die „Baugenossenschaft München-Süd“ direkt an der ebenfalls zu dieser Zeit von Hermann Buchert errichteten riesigen Pfarrkirche St Korbinian (Aufmacherbild ganz oben) einen Mietblock. Mit der Nordwestumfasung war die Bezeichnung Platz für den Gotzinger Platz endlich gerechtfertigt. Nach Osten hin hat der Gotzinger Platz allerdings bis heute keine entsprechend schöne Umfassung, sondern verliert sich in einem Autostellplatz mit anschließendem Kühllager.

In den 1920er-Jahren entstanden endlich vermehrt Unterkünfte für die Arbeiter. Das Sendlinger Feld entwickelte sich zu einer Domäne der Wohnbaugenossenschaften und zu einem klassischen Arbeiterviertel. Die „Münchner Kleinwohnungsgenossenschaft“ und der „Verein zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in München“ errichteten Geschosswohnungsbauten in zwischen Daiser- und der Aberlestraße.

Auch heute gilt das Sendlinger Feld als relativ günstiges, von eher weniger gut verdienenden München bewohntes Wohnviertel. Der Großmarkt, das überdimensionale Heizkraftwerk-Süd sowie stark befahrene Verkehrsstränge wie der südliche Mittlere Ring, Lindwurmstraße und Plinganserstraße scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Dies täuscht. Den mit der Untertunnelung der Brudermühlstraße, den hohen Grünanteil wie den Sportanlagen am Valleyplatz oder dem Flaucher an der Isar weist das Viertel eine hohe Lebensqualität auf. Auch die soziale Struktur im ehemaligen Arbeiterviertel hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewandelt. Der Anteil der Haushalte mit Akademiker und besser verdienenden Erwerbstätigen ist gestiegen. Sichtbar wird dies am Publikum der Cafés am Valleyplatz (Bild links) oder an sonntaglichen Besuchern des Stemmerhofs in Untersendling.

Aber auch an den wenigen Neubauprojekten der vergangenen Jahre im Viertel lässt sich ablesen, dass hier durchaus ein gehobenes Klientel wohnt. Dies gilt etwa für die Neubauten zwischen der Bavariastraße und Lipowskistraße im Norden des Sendlinger Fels – was angesichts der Nähe zur Theresienwiese nicht verwundert – aber auch an den Neubauten in der Urbanstraße der Südhausbau im Süden des Viertels.

 

 

Und günstigen Wohnraum zu finden, ist auch heute keinesfalls so leicht wie es scheint. Auch wenn der hohe Anteil genossenschaftlicher Wohnungen für ein relativ niedriges Durchschnittsmietniveau sorgt, so ist es doch äußerst schwierig eine der begehrten Genossenschaftswohnung zu bekommen. Aufgrund der dichten Bebauung entstehen auch wenig Neubauten. Das größte Projekt der Gegend, der Brenner Park der Baywobau am Bauernbräuweg, liegt genau genommen bereits in Mittersendling.

Auch die Umgebung des Großmarktes beginnt sich zu ändern – so ist mittelfristig eine Sanierung und eine größere Durchlässigkeit des Areals geplant. Der gegenüberliegende Fruchthof wurde nach einer siebenjährigen Generalsanierung durch Guggenbichler + Netzer Architekten für knapp zehn Millionen Euro bereits aufgewertet und wird nun von Designer und Freiberufler genutzt. In der gegenüberliegenden Trattoria Bussone trifft sich heute ein zahlungskräftigeres Publikum als ehemals die Lagerarbeiter und Tagelöhner.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Viertel in Zahlen

Das Sendlinger Feld bildet zusammen mit Untersendling den Stadtbezirk Sendling. Der Teilbezirk Sendlinger Feld wird im Norden von den Gleisanlagen vom Schlachthofviertel des Bezirks Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt abgegrenzt. Nach Osten bildet die Isar die Grenze zum Stadtbezirk Untergiesing-Harlaching, im Süden schließt Thalkirchen des Stadtbezirks Thalkirchen-Obersendling-Fürstenried-Forstenried-Solln an.

Einwohner:  Der Altersdurchschnitt der Bewohner des Viertels liegt unter dem der Stadt. Es gibt relativ viel Single-Haushalte. Neben dem Handel ist das verarbeitende Gewerbe in Sendling nach wie vor stark vertreten und auch das Handwerk hat hier noch immer einige Bedeutung. Die größten Wachstumspotenziale liegen jedoch mehr und mehr im Dienstleistungsbereich. Von den Einwohnern ist fast jeder Zweite erwerbstätig. Dies spiegelt sich auch im Wandel der sozialen Schichtung und Ausbildung der Einwohner wider. Unter den Erwerbstätigen bilden mittlerweile die Angestellten das größte Segment, der Anteil an Arbeitern beträgt nur noch etwa ein Drittel. Noch dominieren Bewohner mit unterem und mittlerem Ausbildungsniveau die soziale Schichtung, doch durch die verstärkte Zuwanderung jüngerer Haushalte mit höheren Bildungsabschlüssen wandelt sich die soziale und altersmäßige Zusammensetzung der Wohnbevölkerung mit jetzt schon deutlichem Schwerpunkt der 20- bis 40-Jährigen.

 

Infrastruktur: Es gibt zwei U-Bahnhaltestellen (U3 und U6: Implerstr., Brudermühlstr.) im Viertel und zwei S-Bahnhaltestellen am Rande (S7, S27: Harras, Mittersendling). Einzelhandel gibt es viel in der Implerstraße und am Harras. Wichtig für die Wirtschafts ist der Großmarkt und das Heizkraftwerk-Süd (Bild rechts).

 

Als Erholungsgebiet bedeutsam ist der Flaucher, eine Grünanlage an der Isar. Auch südlich des Valleyplatzes sind zwischen den Wohnanlagen größere Grünflächen, darunter Sportanlagen. Bedeutsam für Kletterfans ist die moderne Kletteranlage (Bild links) in der Thalkirchner Straße an der Grenze zu Thalkirchen.

 

Immobilien: Im Norden entlang der Lindwurmstraße finden sich zum Teil noch dörfliche Bausubstanz aus dem 19. Jahrhundert. Sonst überwiegt bei weitem die Bebauung mit Mietshäusern aus der Zeit vor der Bundesrepublik. Je mehr man sich Richtung Süden und vor allem südlich der Brudermühlstraße begibt, desto häufiger gibt es Gebäude aus den späteren Jahren.

Entsprechend der ursprünglichen Funktionsmischung von Wohnen und Arbeiten wird das Bild des dichtbesiedelten Viertels von Mietshäusern und wohnungsgenossenschaftlichen Bauten geprägt. Etwa seit 1990 werden zunehmend mehr dieser alten Häuser saniert.           

Die Wohnlage wird nach dem Mietspiegel der Landeshauptstadt München aus dem Jahr 2011 überwiegend als „durchschnittlich“ eingestuft. Im Nordosten ist das Viertel durch den Großmarkt und dem Heizkraftwerk-Süd stark gewerbliche geprägt. Auch sorgen stark befahrene Verkehrsschneisen entlang der Lindwurmstraße, Plinganserstraße, Implerstraße, Brudermühlstraße und der Schäftlarnstraße durch eine hohe Lärmbelastung für eine Minderung der Wohnqualität. Hinter diesen stark befahrenen Verkehrswegen herrscht aber relativ Ruhe.

Im Sendlinger Feld gibt es aber auch Wohnlagen, die im Mietspiegel als „gut“ klassifiziert werden: Im Norden bei der Theresienwiese und im Süden bei Thalkirchen. Die genaue Umgrenzung der guten Wohnlage im Norden ist der Bereich südlich der Gleisanlagen an der Bavariabrücke und Radlkoferstraße bis zur Pfeuferstraße im Westen und der Spitzwegstraße im Süden. Im Osten wird dieser Bereich durch die Bavariastraße entlang der Sportanlage begrenzt.

Im Süden liegt die „gute Wohnlage“ südlich des Israelitischen Friedhofs, genauer: südlich der Axel-von-Ambesser-Straße bis zum westlich davon gelegenen Park. Im Osten wird die Gegend von der Thalkirchner Straße auf der Höhe der Sportanlage und der Kletteranlage des Deutschen Alpenvereins begrenzt. Im Süden geht die gute Wohnlage in Thalkirchen über, das ebenfalls als „gut“ eingestuft ist. Sie umfast im wesentlichen eine 1924 von Jakob Heilmann und Max Littmann im Auftrag der „Bayerische Bauwerk“ errichtete Wohnanlage mit stark klassizierendem Charakter in der Architektur. Westlich davon, am Park, befindet sich eine neue in den 1980er-Jahre errichtete Wohnanlage.