Neuperlachs fehlende Mitte

In den 1960er-Jahren wurde Neuperlach als Entlastungsstadt für das schnell wachsende München mit einem eigenen kulturellen Zentrum geplant. Zwar gibt es nun relativ günstig Wohnraum, was fehlt, ist aber immer noch die urbane Mitte. Nun besteht zumindest ein Kulturzentrum als Provisorium. Ein Bürgerzentrum soll folgen.

 

Wer Neuperlach hört, denkt an Beton: Hohe Wohnhochhäuser, das Einkaufszentrum PEP, die Siemens-Bauten am Otto-Hahn-Ring:  Überall Beton. Doch seit dem Spätherbst steht auf dem weitgehend unbebauten Hanns-Seidel-Platz ein 773 Quadratmeter große Holzbox.

Hinter dem großen Vordach des vom Architekten Florian Nagler entworfenen Gebäudes schimmern in warmen Licht die Holzwände von Internetcafé und Veranstaltungssaal. Das im Spätherbst 2011 erbaute Kulturzentrum ist jedoch nur ein Provisorium: Hier soll irgendwann Neuperlachs Bürgerzentrum entstehen – denn für Neuperlach wurde nie ein kulturelles Zentrum verwirklicht.

Das aus Großwohnsiedlungen zusammengesetzte Quartier, östlich des alten Dorfes Perlach, auf der ehemaligen Perlacher Haid gelegene, ist eine der größten deutschen Satellitenstädte. Zur Linderung der Wohnungsnot, der sich die in den 1950er-Jahren rapide wachsende Stadt München gegenübersah, beschloss der Stadtrat 1960 die Errichtung dieser „Entlastungsstadt“. Die Hauptplanung oblag Egon Hartmann, der bereits als 31-Jähriger die Stalinalle in Ostberlin entworfen hatte und drei Jahre später von der DDR in die Bundesrepublik geflohen war. Im Münchner Baureferat leitete er die Erstellung der Planungsstudie und des Strukturplanes für die Satellitenstadt Neuperlach mit geplanten 80.000 Einwohnern. Mit der Bodenordnung und der Koordination der baulichen Umsetzung wurde das gewerkschaftseigene Unternehmen Neue Heimat beauftragt. Nach der Grundsteinlegung im Mai 1967 wurden in rascher Folge die Baugebiete Nord, Nordost und Ost zwischen dem heutigen Ostpark und der Ständlerstraße fertiggestellt.

Für das Zentrum Neuperlachs mit zahlreichen Geschäften, Arbeitsstätten und kulturellen sowie sozialen Einrichtungen wurde ein städtebaulicher Wettbewerb 1968 zugunsten des jungen Berliner Architekten Bernt Lauter entschieden. Sein Plan sah einen gewaltigen, achtseitigen Ring aus Wohnhäusern vor, der bis zu einer Höhe von 18 Stockwerken aufsteigen und eine Freifläche von etwa 400 bis 500 Metern Durchmesser fortsetzen sollte. Ein Bürgerhaus  mit Stadtbibliothek, ein Künstlerhof mit Ateliers, ein Kinozentrum und sogar das Richard-Strauss-Konservatorium mit Konzertsälen sowie Kirchen waren innerhalb des „Wohnrings“ vorgesehen. Ein Hallenbad und eine Eislaufhalle sollten in der Nähe ihren Platz finden.

Doch es kam nicht dazu: Die kulturellen Einrichtungen wurden stattdessen im neuen Gasteig errichtet, die Sportanlagen entstanden wegen der Olympischen Sommerspiele im Olympiapark.  Trotz Protest der Planer Hartmann und Lauter wurde Neuperlachs Stadtteilmittelpunkt radikal degradiert.

Heute wohnen in Neuperlach zwar nicht wie geplant 80.000 Einwohner, sondern knapp 42.000 Menschen. Das Viertel ist auch nicht wegen der kulturellen Einrichtungen bekannt, sondern vor allem wegen des Einkaufscenters Neuperlach - PEP, das östlich an Lauters achtseitigem Wohnring anschließt (Bild rechts).

Gebaut wird weiterhin: Die Büschl Unternehmensgruppe und die Demos Wohnbau GmbH wollen zum Beispiel im Osten von Neuperlach zwischen Karl-Marx-Ring und Friedrich-Creuzer-Straße ein neues Wohnquartier errichten.

Wie in anderen Satellitenstädten gibt es auch in Neuperlach Probleme mit Jugend- und Drogenkriminalität. Dagegen stehen die Vorteile des Viertels: eine gute Versorgung, eine perfekte Anbindung an das öffentliche Nahverkehrsnetz und vor allem ein noch erschwinglicher Wohnraum in hochwertiger Bebauung.

Ein großes Manko ist allerdings die fehlende kulturelle Mitte. 2009 beschloss deshalb der Stadtrat, einen Bebauungsplan für die Neugestaltung des Hanns-Seidel-Platzes mit Bürgerzentrum, Dienstleistungszentrum und Grünflächen aufzustellen. Der Ideenwettbewerb dazu gewann vor zwei Jahren das Architekturbüro Spacial Solutions zusammen mit Brandhoff & Voss Landschaftsarchitekten aus München (Bild links). Die Ergebnisse des Wettbewerbs sollen nun als Basis für die anschließende Bauleitplanung dienen.

Viele Neuperlacher sind bezüglich einer schnellen Umsetzung skeptisch. Immerhin steht am Hanns-Seidel-Platz das provisorische Kulturzentrum. Doch Provisorien halten bekanntlich lange.

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Das Viertel in Zahlen

Neuperlach ist ein Bezirksteil des Münchner Stadtbezirks Ramersdorf-Perlach. Nach Norden grenzt es an den Bezirk Berg am Laim, nach Westen zu dem Nachbarsvierteln Ramersdorf und Altperlach.

Einwohner: In Neuperlach wohnen viele Familien mit Kindern. Der Altersdurchschnitt entspricht dem der Stadt, der Ausländeranteil ist überproportional hoch. 

Infrastruktur: Anbindung an U-Bahnlinien U2 und U8 sowie S-Bahnlinie S 6 (Neuperlach Süd). Sehr gute Einkaufsmöglichkeiten durch das PEP. Größere Grünflächen am Ostpark. Sieben Grundschulen, zwei Hauptschulen, drei Realschulen und zwei Gymnasien sowie die Europäische Schule.

Immobilien: Im Stadtvergleich ist Wohnen in Neuperlach relativ günstig, ältere Eigentumswohnungen sind noch um 2000 Euro pro Quadratmeter zu bekommen. Allerdings ist das Angebot knapp.

Im Mietspiegel ist das mittlere und nördliche Gebiet Neuperlachs inklusive des Wohnrings als "durchschnittliche Wohnlage" eingestuft. Südlich davon, also südlich der Linie Schumacherring, Pflanzeltplatz und Hochäckerstraße und westlich der Assmanstraße gilt dieses Wohngebiet sogar als "gut".

Für den Bereich südlich der Hochäckerstraße plant die Bayerische Hausbau ein großes Neubauwohngebiet. Dieses Teil gehört allerdings bereits zum Stadtteil Ramersdorf.  

 

Weitere Informationen zu Neuperlach:

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