Gute Gründe nach Haar zu kommen

Bei dem Namen Haar denken viele an die psychiatrische Klinik. Doch die Gemeinde östlich Münchens ist ein beliebter Wohnort. Nun starten mit dem Jugendstilpark und der Workside Haar gleich gleich zwei städteplanerische Großprojekte. Die Gemeinde ist ein interessanter Standort für Eigenheimerwerber und für Unternehmen.

 

Zwischen den vom Herbstlaub gefärbten alten Bäumen und großzügigen Rasenflächen befinden sich eines der interessantesten Jugendstil-Ensemble Deutschlands. Mehr als 100 Gebäude nordöstlich des alten Dorfkerns von Haar sind als Baudenkmäler in der Bayerischen Denkmalliste aufgeführt.

Der Innenraum der Kirche St Raphael des Architekten  Johann Schobloch wurde 1994 wieder rekonstruiert, die geschwungenen Ornamente freigelegt. Am Eingang der Parkanlage befindet ein mehrgeschossiger Satteldachbau mit Zwerchbau im englischen Landhausstil von Gabriel von Seidl, gegenüber liegt das kleine Theater, ein Jugendstiljuwel.

Bei der Anlage handelt es sich um das Areal des Isar-Amper-Klinikums München-Ost, eine der größten psychiatrischen Kliniken Deutschlands.

Weil Ende des 19. Jahrhunderts die „Irrenanstalt“ an der Auerfeldstraße in Giesing zu klein geworden war, wurde 1901 bis 1905 bei Haar am Weiler Eglfing eine neue Anstalt im Pavillonstil nach Ideen des Psychiaters Friedrich Vocke und Plänen von Carl Freiherr von Harsdorf und Adolf Stauffer errichtet. 1912 wurde dann auf unmittelbar angrenzendem Gelände die Oberbayerische Kreisirrenanstalt Haar mit etwa 900 Betten eröffnet. Bei Gabriel von Seidls Satteldachbau handelt es sich dabei um das ehemalige Gebäude für den Direktor und für die Verwaltung der Anstalt, St. Raphael ist die katholische Anstaltskirche. Obwohl die Anlage als vorbildhaftes Modellprojekt mit hellen Räumen in einer großzügigen Parklandschaft entworfen wurde, wurde der Ort oft negativ „nach Haar kommen“ als Synonym für psychatrische Krankheit belegt. Ein negatives Image, dass die Gemeinde oft vergeblich versuchte abzulegen.

Nun hat Haar mit dem Jugendstilpark und der Workside gleich zwei städteplanerische Projekte gestartet, um das kulturhistorische Erbe stärker zum Vorteil zu nutzen und die einseitige wirtschaftliche Ausrichtung auf den Klinikbetrieb abzustreifen.

Im Rahmen des Projekt Jugendstilpark sollen Teil der Anstaltsbauten zu Wohnzwecken umgenutzt werden und freie Flächen für die Errichtung neuer Wohnbauten genutzt werden.

Der Beschluss zur Umnutzung wurde bereits vor zehn Jahren vom Haarer Gemeinderat gefasst.

Später wurde ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben und nach dem Siegerentwurf von Goergens + Miklautz Architekten ein Rahmenplan erstellt. Nun endlich nähert sich  der Baubeginn. „Es ist sicher das wichtigste Vorhaben der Gemeinde Haar der letzten und der kommenden Jahre“, erläutert Bürgermeister Helmut Dworzak. Der für die Umnutzung ehemaligen Klinikgeländes Haar II vorgesehene Bereich wurde von zwei Münchner Wohnungsbauunternehmen erworben.

Dabei handelt es sich um die gemeinnützige Oberbayerische Heimstätte der Bayerischen Kommunen sowie dem Deutschen Heim.

Anfang des Jahres wurde ein Wettbewerb von fünf Architekturbüros ausgelobt, die entsprechend der Rahmenplanung der Münchner Goergens + Miklautz Architekten konkrete Wohngebäude entwerfen sollten. „Es gilt, das Alte respektvoll zu erhalten und doch etwas dagegen zu stellen, das sichtbar aus unserer Zeit stammt“, bemerkte Gert Goergens, der die Rahmenplanung erstellt hatte. Kein Entwurf ähnelte dem anderen.

Sie reichten von minimalistisch siebengeschossigen Bauten der 03 Architekten bis zu Häuser in traditioneller Erscheinung von Hilmer & Sattler und Albrecht. Gewonnen hat die Arbeit von bogevischs buero. Sie erarbeiteten für die beiden Planquartiere, die als Muster für die Gesamtplanung gelten sollen, Stadtvillen. Über vier Stockwerke verteilt werden 16 Wohnungen untergebracht – die Architektur ist dabei sehr zurückhaltend gestaltet: Die Häuser sind würfelförmig mit spielerisch angeordneten Fenstern und Loggien und einem flachen Wohndach ausgestattet. Zudem lassen die Punkthäuser, die locker in die Parklandschaft eingestreut sind, Blickachsen zum denkmalgeschützten Kern zu. Mit dem Jugendstilpark bekommt Haar ein nobles Wohnviertel im gehobenen Preissegment.

Auch wenn es mit dem Projekt Jugendstilpark nun in die heiße Phase geht, bis zum Baubeginn werden wohl noch einige Monate verstreichen. Aktuell wird allerdings bereits in Haar umfangreich gebaut: Zwischen Kirchplatz und Bahnhof steht eine umfangreiche Sanierung der Straßen des Gemeinde Haar an. So sind das Bürgerhaus sowie Gasthof und Biergarten „zur Post“aufgrund der Straßenbauarbeiten in der Bahnhofstraße zur B 304 derzeit nur zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar. Auch für die Projektentwickler des Jugendstilpark, der Oberbayerischen Heimstätte, ist Haar kein Neuland: Aktuell errichtet sie bis März 2014 im Bahnhofsviertel vier Häuser mit 28 Wohnungen. Die Häuser werden vollunterkellert und bestehen jeweils aus Erdgeschoss, Obergeschoss sowie Dachgeschoss. Die Häuser werden im Treppenhaus mit Aufzügen ausgestattet. Die Fassade erhält ein Wärmedämmverbundsystem. Zu den Erdgeschosswohnungen gehören Gartenanteile, die übrigen Wohnungen erhalten Balkone.

Unter dem Begriff „Workside Haar“ werden Mietflächen und Baugrundstücke im Gewerbeareal nördlich der S-Bahn-Station plakativ vermarktet. In den 1980er Jahren entstand dieser Gewerbestandort westlich des Jugendstilpark mit an ihm angelegte luftige Proportionen der Bürogebäude mit dazwischen liegenden großen Grünflächen. Internationale Unternehmen wie der US-amerikanische Pharmakonzern MSD Sharp & Dohme, der französische Lebensmittelkonzern Danone, der Autoelektronikhersteller Softing AG sowie die Weka Fachmedien. Die größte Gewerbeimmobilie, der Bürokomplex 8inOne der Versicherungskammer Bayern, sucht allerdings mit dem Auszug der Großrechenzentrum der Sparkasse Nachmieter. Vor allem aber sollen mit Workside Haar aber auch neue Unternehmen auf den zwei noch unbebauten, neu ausgewiesenen Gewerbeflächen angelockt werden. Sicherlich will damit die Gemeinde Haar auch ihre Gewerbesteuereinnahmen verbreitern, um ihre Abhängigkeit von den Großunternehmen MSD und Isar-Amper-Klinikum zu verringern. Dabei setzt die Gemeindespitze nicht nur auf den im Verhältnis zur Landeshauptstadt München (490 Prozent) niedrigen Gewerbesteuer-Hebesatz (390 Prozent) und der guten Verkehrsanbindung (Autobahnring München, Flughafennähe, S-Bahn S 4), sondern auch auf unbürokratische Entscheidungen für Investoren. „Wir garantieren kurze Verwaltungswege und ich setze mich persönlich für ortsansässigen Unternehmen ein“, verspricht Bürgermeister Helmut Dworzak.

 

Die Stadt in Zahlen

 

Die Gemeinde Haar befindet sich am östlichen Stadtrand Münchens (Stadtbezirk Trudering-Riem) im Landkreis München.

 

Einwohner:

Haar ist geprägt von Pendlern, die vom Umland in das Gewerbegebiet zur Arbeit gehen oder in Haar wohnen und vor allem in München arbeiten. Im vergangenen Jahrzehnt erhöhte sich die Bevölke- rungszahl um über 15 Prozent und ist weiterhin stark im wachsen. Im Ver- gleich zur Landeshauptstadt wohnen ist der Anteil von Familien mit Kindern größer.

Infrastruktur

Die S-Bahnhaltestelle Haar mit der Linie S 4 befindet sich nur direkt am Gewerbegebiet workside Haar und nur wenige Gehminuten vom Jugendstilpark. Die Gemeinde ist noch an den ÖPNV der MVV angeschlossen (Buslinien). Haar liegt zudem mit einer eigenen Anschlussstelle unmittelbar am Münchner Autobahnring A99. Einzelhandel befinden sich am dörflichen Kirchplatz, am Bahnhofsplatz und im Wohnviertel direkt gegenüber dem kleinen Theater am Jugendstilpark. 

 

Immobilien:

Die Preise sind in den vergangenen fünf Jahren stark gestiegen. Preise und Mieten bestehen- der Mietverträge sind für Bestands- miete günstiger als in München, für Neubauten aber ebenfalls teuer.

Ende November 2014 fand ein von der Bürgerinitiative "Mia san Haar" erwünschter Bürgerentscheid zur Begrenzung der Hochhausneubauten bis 19 Meter nicht das erforderliche Mindesquorum. 

Weitere Informationen zu Haar:

Webpräsenz der Gemeinde: www.gemeinde-haar.de    

Jugendstilpark: Website des Projekts

Workside Haar: Ein Gewerbegebiet wird vermarktet

Weitere zum Jugendstil in München:

Münchens Hauptzollamt: Jugendstil im Lichthof 

Martin Dülfer: Der Wegbereiter des Jugenstils

Großmarkthalle: Der Bauch von München