Grünwald: Bei der Burg über der Isar

Die Gemeinde Grünwald am südlichen Stadtrand von München lockt wegen niedriger Gewerbesteuern bundesweit Unternehmen an. Auch als Wohnsitz ist die Gartenstadt mit weitverstreute Villen über der Isar beliebt – besonders unter Filmschaffende, Fußballspieler und Vermögende.

 

Die Münchner Region ist nicht gerade für eine Vielzahl mittelalterlicher Burgen bekannt. Die einzigen Burganlagen, die sich dort erhalten haben, sind die Blutenburg im Münchner Stadtbezirk Pasing-Obermenzing und die Burg Grünwald im Süden Münchens. Karl Valentins Bierhymne über die „Oiden Rittersleit“ hat Burg Grünwald überregionale Bekanntheit erlangt: „Zu Grünwald drunt´ im Isartal, glaubt es mir, es war einmal, da ham edle Ritter g´haust, denne hat's vor garnix graust.“

Schon vor 1000 Jahren existierte auf der ehemaligen Römerschanze – eine römische Wachstation am Isarübergang der Via Julia – ein mittelalterlicher Wachturm. Aber erst nach dem der Wittelsbacher Ludwig II der Strenge die Veste bei der Siedlung Derbolvinga 1272 von Andechser Grafen erwarb, wurde die Burg (siehe Aufmacherbild oben und Bild – Burghof – links) nach und nach ausgebaut. Ihre Blüte erreichte sie nach der Erweiterung in den Jahren 1486 und 1487 unter der Leitung des Werkmeisters Jörg von Weikertshausen, der die Burg über der Isar anlässlich der Hochzeit Albrechts IV mit der Tochter Kaisers Friedrich III, der Prinzessin Kunigunde von Österreich, herausputzte.

 

Noch während der Hochzeitsverhandlungen besetzte Albrecht jedoch die Reichsstadt Regensburg, worauf Friedrich III. seine Einwilligung zur Heirat zurückzog. Mit Hilfe einer gefälschten Einwilligung des Kaisers erschlich sich der Wittelsbacher jedoch 1487 in der Innsbrucker  Schlosskapelle die Heirat mit Kunigunde. Erst fünf Jahre später versöhnten sich Albrecht und Kunigunde mit dem Kaiser, der gegen seinen Schwiegersohn  sogar die Reichsacht verhängt hatte.

Die Burg Grünwald diente danach als Jagdschloss. Ihre beste Zeit hatte sie hinter sich, als es Gefängnis für adlige und prominente Straftäter, wie den italienischen Hochstapler und angeblichen Goldmacher Graf Domenico Manuel Caetano, wurde.  Als 1970 ein Bauträger den weitgehenden Abriss der maroden Burg plante, bewirkte sechs Jahre später eine Bürgerinitiative den Ankauf  und spätere Sanierung durch den Freistaat Bayern.  Zwischen 1978 und 1997 dienten Räume der Burg August Everding, dem  Generalintendanten der Bayerischen Staatstheater, als Dienstwohnung. Der Westflügel wird seit 1978 als Burgmuseum, in dem auch archäologische Funde aus der Römerzeit gezeigt werden.

 

Lange gab es in der Ansiedlung neben der Burg nur Bauerngehöfte, einige Gebäude der Händler, des Isar-Fährmann, Fuhrleute und einzelne Häuser der Burgbediensteten.

So etwa der Schweindlhof (Bild links) – benannt vermutlich nach jenem Bauern, der ihn 1504 nach einem Brand wiederaufgebaut hat. Er war neben dem Anwesen des Stumpfen- und des Kurznbauern einer der drei Urhöfe von Derbolfing. 1634 schwer beschädigt, wurde er erst nach Übergabe des Besitzes von Matthias Schweindl an den Schloßpfleger Stephan Lechner 1640 wiederhergestellt. Heute bildet die in einem weiten unbebauten Areal östlich des Schlosses stehende Anlage eine der wenigen bäuerliche Komponente in dem sonst durchgreifend modernisiereten Ortszentrum um den Derbolfinger Platz.

Ein weiteres Beispiel für eines der wenigen noch erhaltenen Häuser ist das ehemalige Bauernhaus des Freibauers in der Rathausstraße 10 (siehe Bild links unten) unweit der Kirche St. Peter und Paul. Die Einfirstanlage deren Wohnteil noch aus einem Blockbau-Obergeschoß besteht, stammt aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. 

 

Die Tramlinie von München brachte Ausflügler und Reiche

Die Gemeinde, die seit dem Erwerb der Burg durch die Wittelsbacher im Jahr 1272 ebenfalls Grünwald heißt, gilt heute als eine der exklusivsten Wohngegenden Deutschlands. 

Mit der Einweihung der Trambahnstrecke München-Grünwald bis zum Derbolfinger Platz (Bild links unten) stieg nicht nur die Anzahl der Münchner Ausflügler, sondern auch die der reichen Münchner, die sich in dem Vorort noble Villen errichten ließen.

 

Ein besonders schönes Beispiel dafür sind die versteckt am Pfaffengraben 1 und 3 gelegene Häuser (Bild rechts oben). Auf der baumbestandenen Hangterrasse mit den in geringen Abstand parallelel zueinander stehenden Gebäuden befand sich bis etwa 1909 das Wohnhaus des sogenanten Überführers, des Fährmanns über die Isar. An dessen Stelle wurde 1910 die Jugendstilvilla Stengel errichtet – ein kubischer Baukörper mit Mansardwalmdach. Das Haus gegenüber wurde 1920 erbaut und nimmt in Gestalt und Dachform die Form des Nachbarhauses auf dem selben Grundstück auf.

 

Hollywood in Bayern

 

Nach der Gründung der Emelka-Filmgesellschaft durch den Filmpionier Peter Ostermayr im Jahr 1919, aus der später die Bavaria Filmstudios hervorging, wurde in Geiselgasteig, im Norden Grünwalds, für das Filmunternehmen ein Studiogelände errichtet. Ostermayer experimentierte mit verschiedenen Filmen, arbeitete eine Zeit auch für die Ufa, war aber vor allem von den Vorlagen des Schriftstellers Ganghofer fasziniert. 

Nachdem der Filmproduzent Helmut Jedele Ende der 1950er Jahre die Bavaria vor dem Konkurs rettete und zum „Bayerischen Hollywood“ machte, in dem international erfolgreiche Filme wie "Das Boot" und "Die unendliche Geschichte" gedreht wurden. Schon zuvor zogen zunehmend Schauspieler und Filmschaffende in die Gemeinde südlich von München. So siedelten sich Lil Dagover, Heinz Rühmann, Josef von Ferenczy, Joachim Fuchsberger, Michael Verhoeven, Senta Berger, Uschi Glas, später auch die Familie Ochsenknecht und Kai Pflaume in Grünwald an. Da sich in der Sportschule Grünwald zeitweilig das Trainingslager der deutschen Fußballnationalmannschaft befand und weil der FC Bayern München im Münchner Stadtteil Harlaching direkt daneben liegt, wohnen hier auch viele Fußballstars wie Oliver Kahn, Miroslav Klose, Arjen Robben und Matthias Sammer.

Weil sich die Stadtväter zudem im Gegensatz zur angrenzenden Landeshauptstadt einer unternehmensfreundlichen Steuerpolitik verpflichtet fühlen, zieht Grünwald mit einem Hebesatz von 240 Prozent (München: 490 Prozent) eine der niedrigsten Gewerbesteuern Deutschlands, bundesweit Unternehmen und Holdings an. „Durch die Senkung der Gewerbesteuer und einen engen Dialog mit Unternehmen ist es uns gelungen, die Einnahmen aus der Gewerbesteuer in den letzten zehn Jahren um 657 Prozent zu steigern – auf 243,8 Millionen Euro im Jahr 2013“, so Jan Neusiedl, 1. Bürgermeister von Grünwald.  So befinden sich hier die Beteiligungsgesellschaften einige der reichsten Familien Deutschlands, wie Piech, Porsche (Porsche und Volkswagen) und Thiele (Stella/Knorr Bremse), zahlreiche Vermögensverwalter, aber auch etliche Projektentwicklungsgesellschaften und Investoren der Immobilienbranche (Allgemeine Südboden Grundbesitz, Karstadt Immobilien, KGAL Gruppe, M10 Wohnbau, Rock Capital Group, ZIMA Wohnbau).

Größere Wohnanlagen werden dagegen in Grünwald kaum entwickelt, obwohl auch die Grundsteuer B mit einem Satz von 200 Prozent im Vergleich zu München (535 Prozent) äußerst niedrig ist. Es herrscht aber rege Bautätigkeit, indem bestehende Einfamilienhäuser durch Käufer durch Neubauten ersetzt werden oder die ehemals großzügige Villenanwesen in Projekte mehrere Wohneinheiten geteilt werden. So entstanden neue Wohnhäuser in der Tölzer Straße am Koglerberg, Auf der Eierwiese oder in der Hubert-Hopf-Straße. Bezüglich der Baustile sind alle Varianten einschließlich des Eklektizismus vertreten – und zwar sowohl bei den Bestands- wie auch den Neubauten: Bauernhaus, Neobarock, Historismus, Jugendstil, Bauhaus, Bunkerstil, Postmoderne oder maurische Architektur – Hauptsache pompös und teuer. Es scheint, als wollten viele Bauherren beweisen, dass Geschmack keinesfalls mit Reichtum zusammenhängt.

Das aktuell größte Bauprojekt in Grünwald wird allerdings nicht von einem privaten Bauherren oder einem gewinnorientierten Projektentwickler, sondern von der Gemeinde durchgeführt. Im September diesen Jahres wird das neue Gymnasium zwischen der Oberhachinger Straße und der Laufzorner Straße eingeweiht. Der Bau nach Plänen der Münchner Architekten Bauer Kurt Stockburger & Partner wird allerdings statt der ursprünglich veranschlagten 35 Millionen Euro laut dem Beratungsunternehmen Drees & Sommer nun über 60 Millionen Euro kosten. Doch diese gewaltige Ausgaben stemmt die knapp 11.000 Einwohner zählende Gemeinde scheinbar genauso mühelos wie der Aufbau einer 138 Millionen Euro teuren Geothermieanlage in Laufzorn, mit der Grünwald nach und nach seine Haushalte und Unternehmen mit Erdwärme versorgen will. Die Entscheidungen werden zwar nicht mehr in der schmucken Grünwalder Burg, sondern in einem nüchternen Siebzigerjahrebau des Rathauses getroffen – doch den Bürgern in Grünwald kommt es zugute.

 

 

 

Grünwald in Zahlen

 

Die Gemeinde Grünwald grenzt im Norden mit seinem Stadtviertel Geiselgasteig an die Stadtgrenze von München, wo sich das Münchner Stadtviertel Harlaching des 18. Stadtbezirks befindet. Im Westen, auf der anderen Seite der Isar befindet sich die Gemeinde Pullach.

Einwohner: Im Vergleich zu München leben hier viele Familien mit Kindern und wenig Singles.

Infrastruktur: Grünwald ist mit der Tramlinie 25 in den ÖPNV Münchens eingebunden. In und um die Gemeinde verkehren verschiedene Buslinien. Es gibt mehrere Kindergärten und Kinderbetreuungseinrichtungen, ein Jugendzentrum, eine Grundschule und ab Herbst ein Gymnasium. Der Grünwalder Freizeitpark bietet ein großes Sport- und Freizeitangebot.

Immobilien:  Laut Nexiga ist Grünwald zu 88 Prozent mit Einfamilienhäusern bebaut, pro Haus werden im Durchschnitt 1,8 Millionen Euro bezahlt. Das Angebot an ETW und Mietwohnungen ist knapp. 2013 stiegen die Mieten um 3,3 Prozent, die Kaufpreise um 8,5 Prozent.