Garching: Dem Atomei entschlüpft

Der 1957 erbaute Forschungsreaktor München verwandelte das Dorf Garching zu einem High-Tech-Standort. Mittlerweile besteht das Atomei nur noch aufgrund des Denkmalschutzes. Doch Hochschul- und Forschungszentrum und das Gewerbegebiet Hochbrück führen zu Zuwanderungen und wirken sich auf den Garchinger Wohnungsmarkt aus.

 

Ein Reaktor im Stadtwappen? „Atomkraft, nein Danke“, würden die Bürger sagen. Was für viele Gemeinden undenkbar wäre, ist in Garching Realität.  

Spätestens seit der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima vor vier Jahren und der von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) proklamierten Energiewende ist Atomkraft in der deutschen Politik „out“.

Völlig anders war es, als am 31. Oktober 1957 der Forschungsreaktor München (siehe Bild oben) beim Dorf Garching den Betrieb aufnahm. In der Kernenergie sah Konrad Adenauers Regierung die Zukunft für Deutschlands Energieversorgung. Vor allem Adenauers Minister Franz Josef Strauß (CSU) forcierte den Ausbau der Atomenergie. Es sei eine „Tragödie der Menschheitsgeschichte“, dass die Masse der Bürger „im Atom“ seine zerstörerische Kraft sähe, statt sein Potenzial „zu heilen und zu helfen“ erkennen würde, so der bereits schon damals mächtige CSU-Politiker. Die Kernenergie sollte erforscht und für zivile Zwecke eingesetzt werden – bis 1970 sollten die ersten Kernkraftwerke Strom produzieren. FJS war es auch, der den Atomphysiker Werner Heisenberg an das Max-Planck-Instituts für Physik nach München holte.

Heisenberg setzte sich stark für die zivile Kernforschung und den Reaktorbau ein, lehnte aber eine militärische Nutzung für die Bundesrepublik ab, obwohl er zwischen 1942 bis 1945 führend an Uranprojekt des Heereswaffenamtes zum Bau einer Atombombe im Dritten Reich beteiligt war. Gemeinden und Hochschulen der jungen Bundesrepublik rissen sich geradezu darum, dass ein Reaktor bei ihnen gebaut würde. Doch aus Sicherheitsgründen wurde das Atom-Forschungszentrum in Karlsruhe und nicht in München, wie es Heisenberg wünschte, angesiedelt. Als Trostpflaster erhielt der  Nobelpreisträger 1956 von der bayerischen Staatsregierung den Forschungsreaktor in Garching genehmigt.

Der wegen seiner Form als „Atomei“ bezeichnete Reaktor wurde zum Ausgangspunkt einer Entwicklung, die das Bauerndorf Garching binnen kürzester Zeit in ein High-Tech-Standort verwandelte. Zwar wurde am 28. Juli 2000 der von Gerhard Weber und Wolfgang Ende entworfene Forschungsreaktor München (FRM) abgeschaltet. Doch weil der aluminiumverkleidete Kuppelbau unter Denkmalschutz steht, wurde er nicht abgerissen.

Ansammlung von Instituten auf der grünen Wiese 

Seit den 1960er-Jahren wurde das Forschungszentrum durch die Verlegung der Technischen Universität München (TUM) nach Garching zum Hochschulgelände ausgebaut. Zudem wurden zahlreiche wissenschaftliche Institute und Organisationen wie die Europäische Südsternwarte (ESO) angesiedelt. Heute ist das riesige Hochschul- und Forschungszentrum im Norden ein eigener Stadtteil von Garching.

Wegen der Expansion des Hochschul- und Forschungszentrums und dem Ausbau des westlich von Garching gelegen Gewerbegebiet Hochbrück zogen immer mehr Menschen in das ehemalige Dorf in der Heide. Lebten dort um 1950 gerade mal 2669 Menschen, hat Garching, das 1990 zur Stadt erhobenen wurde, nun über 17.000 Einwohner.

Vom ehemaligen Dorf erhalten ist die Kirche St. Katharina (Foto oben rechts) und der Gasthof Neuwirt (Bild oben links). Auch das klassizistische Gebäude des ehemaligen Gasthof zur Post, der 1809 an der Stelle der durch Brand zerstörten Poststation entstand, gehört zu den wenigen erhaltenen Altbauten. Heute befindet sich dort das griechische Restaurant Poseidon (Bild links).

Um diesen Dorfkern herum wuchs Garching seit den 1960er-Jahren um immer neue umliegende Schichten, ähnlich den Jahresringen eines Baumes. Auf dem ehemaligen Steininger-Anwesen, früher einer der größten Bauernhöfe, wurde 1979 das neue Bürgerhaus eingeweiht –  mit der 1983 eröffneten Fußgängerzone die Keimzelle des neuen Ortszentrums. 1988 wurde nördlich davon das neue Rathaus bezogen und 2000 das Ortszentrum durch weitere Bauabschnitte vollendet. Seit 2006 befindet sich hier der U-Bahnhof Garching.

In den vergangenen Jahren wurde der Wohnungsbau außerhalb des Ortszentrums stark vorangetrieben. Im Süden der Stadt entstand gerade ein großes Wohnquartier am Professor-Angermair-Ring (siehe Bild links), westlich des 2013 für 50 Millionen Euro neu erbauten Werner-Heisenberg-Gymnasiums.

Ebenfalls vor kurzem fertig gestellt wurde die Wohnanlage am 1912 erbauten Wasserturm (siehe Bild rechts) sowie dem etwas weiter nördlich davon gelegenen Wohnanlage an der Münchnerstraße Ecke Schillerweg (siehe Bild links).

Im Ortszentrum stehen kurz vor Bezug auch die fünf Wohnhäuser in der Niels-Bohr-Straße auf dem ehemaligen Postgelände gegenüber dem Rathaus, die ZellnerBau für den Bauträger Riemensperger baut. Die Wohnungen sind bereits alle verkauft. Auch bei dem Neubauprojekt Am Römerhof (Bild links unten) am Riemerfeldring des Münchner Bauträger sind nur noch wenige der rund 40 Wohneinheiten noch nicht verkauft. Die Preise der zwischen 87 und 135 Quadratmeter großen Wohnungen liegen zwischen gut 5300 und knapp 5800 Euro pro Quadratmeter.

Größere Erschließungsflächen kommender Jahre befinden sich laut dem Stadtentwicklungskonzept im Nordteil der Stadt westlich der Freisinger Landstraße und südlich des Hochschul- und Forschungszentrums. An der Freisinger Landstraße sind auch die Studentenwohnanlagen untergebracht, wo einige der immerhin 13.000 Studierenden in Garching wohnen. Ausgerechnet eine Studentenwohnanlage ist es, die unter Garchings Neubauten eine sonst eher selten anzutreffende anspruchsvolle Architektur umgesetzt hat: Die vor wenigen Jahren entstandene Anlage wurde von Fink + Jocher entworfen (Bild rechts unten).

Bestandteil des Garchinger Wappen ist außer dem Atomei übrigens auch ein Holzrad. Darauf sollte die Namensgeberin der alten Garchinger Kirche, Katharina von Alexandrien, den Märtyrertod erleiden. Laut der Legende zerstörte jedoch ein Engel das Folterinstrument. Im Volksglauben ist Katharina die Beschützerin von Mädchen und Frauen sowie der Gelehrten und Studenten.

 

 

 

 

 

Die Stadt in Zahlen

 

Die Stadt Garching bei München befindet sich im Norden des Landkreises München. Sie grenzt im Süden an die Landeshauptstadt München, im Norden an die Gemeinde Eching im Landkreis Freising, im Westen an die Gemeinden Oberschleißheim und Unterschleißheim und im Osten entlang der Isar an die Gemeinde Ismaning (beide Landkreis München).

Die Stadt Garching bei München besteht aus den vier Stadtteilen Garching bei München, dem südlich davon gelegenen Dirnismaning mit rund 150 Einwohnern, dem im Westen gelegenen Hochbrück, das etwa 2200 Einwohner und ein großes Industrie- und Gewerbegebiet mit dem Business Campus: Garching aufweist, sowie dem Hochschul- und Forschungszentrum im Nordosten.

Einwohner: Vor dem Zweiten Weltkrieg verfügte das Dorf Garching über lediglich 1465 Einwohner (1939). Die starke Zunahme der Einwohnerzahl in der Nachkriegszeit kam zunächst durch die Ansiedlung von Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten, insbesondere Sudetendeutschen, die Ansiedlung zahlreicher Industriebetriebe in Garching-Hochbrück, und den Ausbau des Forschungsgeländes und der Technischen Universität nordöstlich von Garching mit heute mehr als 10.000 Beschäftigten und Studenten, zustande. Die Bevölkerung der Stadt Garching weisen daher einen relativ hohen Akademikeranteil auf. Das Durchschnittsalter ist relativ niedrig, es gibt viele Familien mit Kinder.

Infrastruktur: Garching verfügt über drei Haltestellen der U-Bahnlinie U6 und zwei Anschlusstellen zur Autobahn  A9. Der Flughafen und das Zentrum Münchens sind in rund 20 Minuten erreichbar.

Ein reiches Kulturangebot wird im Römerhof (siehe Bild links) geboten. Freizeitmöglichkeiten bietet der Garchinger See sowie die nahen Isarauen und die Heideflächen.

Immobilien: Aufgrund des starken Bevölkerungszuwachses seit Ende des Zweiten Weltkrieges verfügt die Stadt über einen relativ geringen Altbaubestand aus den Jahren vor 1945. Dieser befindet sich beim alten Dorfkern um die katholische Kirche St. Katharina, wo noch einige Gebäude als ehemalige Bauernhöfe erkennbar sind und wo es einige wenige Altbauvillen gibt.

Südlich vom ehemaligen Dorfkern entstanden in den 1950-Jahren auf der grünen Wiese vorwiegend Einfamilienhäuser, in der Gegend der Breslauer Straße, Königsberger Straße, Mühlfeldweg und dem westlichen Professor-Angermaier-Ring auch Geschosswohnungsbauten mit den ab den 1960er-Jahren typischen Wohnhochhäusern. Geschosswohnungsbau befindet sich auch am westlichen Stadtrand Garchings, wo die A9 Garching vom Stadtteil Hochbrück abgrenzt, sowie mit den Studentenwohnheimen an der Freisinger Landstraße.

Die Preise der kaum angebotenen Bestandswohnungen mittlerer Qualität liegen zwischen 2500 und 4500 Euro pro Quadratmeter. Bestands-Reihenhäuser werden zwischen 500.000 und 750.000 Euro angeboten.

Text und Fotografien von Ulrich Lohrer, Ersterstellung 09.03.2015