Zwischen Lokhallen und Heidelandschaft

Nach dem Willen der Stadt soll in Freimann das Areal der ehemaligen Bayernkaserne zu einem Stadtquartier entwickelt werden. Das Bauvorhaben ist allerdings nur das aktuellste in der langen Reihe der Siedlungsgeschichte des Viertels im Norden Münchens. Eine aktuelle Ausstellung offenbart die interessante Geschichte der 13 Siedlungen.  

 

Am 30. Januar 2013 stellte der Münchner Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung die Weichen für die Entwicklung eines neuen Stadtquartier, indem künftig 7500 Menschen wohnen sollen: Auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne in Freimann sollen 3000 Wohnungen, Schulen und Nahversorgungszentren entstehen. Ein städtebaulicher Wettbewerb soll bereits in Kürze EU-weit ausgeschrieben werden.

1818 wurde Freimann eine eigenständige Gemeinde und 1931 wurde diese in München   eingemeindet. Die Entstehung eines neuen Stadtquartiers ist für Freimann nichts ungewöhnliches – sondern typisch für den heutigen Bezirksteil von Schwabing-Freimann. Die Ausstellung „Freimann und seine Siedlungen“, die noch bis zum 24. Februar in der Mohr-Villa (Bild oben, links), dem Kulturzentrum des Bezirkteils, zu sehen ist, dokumentiert die Geschichte der einzelnen Siedlungsabschnitte. Die Villa selbst, die zunächst als Bauernhaus, dann als Wirtshaus diente und dann von Regierungsrat Franz Junge und später von Christian Walter Mohr zu einer großbürgerlichen Villa mit prächtigem Garten und Teehaus erweitert wurde, diente zeitweilig als Wohnanlage für den Reichsbahnpräsidenten, bis es 1993, bereits verfallen, von der Stadt München aufgekauft, saniert und zum Kulturzentrum umgewidmet wurde.

Über Jahrhunderte lang war Freimann um die Kirche St. Nikolaus (Bild rechts) nur ein Bauerndorf, dass weniger bekannt war als das umliegende Gut Großlappen und das Haus des Aujägermeisters, dem späteren Ausflugsziel Aumeister im Englischen Garten. Auch heute hat der Ortskern von Freimann zwischen der Kirche St. Nikolaus und der Mohr-Villa in der Situlistraße trotz der nahen U-Bahnhaltestelle fast seinen dörflichen Charakter erhalten.

Der Grünwalder Bauträger BHB errichtet hier die Wohnanlage Sinnfonie Situli mit Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen mit 121 bis 147 Quadratmeter Wohnfläche. Das dörfliche Umfeld mit U-Bahnanschluss hat allerdings seinen Preis: Die erhältlichen Wohnungen in den oberen Etagen werden zwischen knapp 700.000 und 850.000 Euro zum Kauf angeboten. "Wir rechnen mit der Fertigstellung dieser 26 Wohnungen Ende 2014“, so Julia Daschner vom Marketing der BHB Bauträger GmbH Bayern.

Dieser dörfliche Charakter ist allerdings im Bezirksteil Freimann eher die Ausnahme. Ingesamt 13 Siedlungen entstanden zwischen dem heutigen Frankfurter Ring im Süden, der Stadtgrenze im Norden und dem nördlichen Ausläufer des Englischen Gartens im Osten – das künftige Quartier in der Bayernkaserne nicht mitgezählt.

Über Jahrhunderte lang war Freimann um die Kirche St. Nikolaus nur ein Bauerndorf, dass weniger bekannt war als das umliegende Gut Großlappen und das Haus des Aujägermeisters, dem späteren Ausflugsziel Aumeister. Um 1900 errichtete die Terrain AG die Gartenstadt Freimann (Bild links) mit Villen nach Plänen von Architekten wie  Eugen Dreisch (Bild rechts), Paul Hochrath und Hans Hörger. Die Villen wurden vor allem von Akademikern, Künstlern – darunter der Bildhauer Hans Schwegerle –  Kaufleuten und Beamten bezogen.

Mit dem Ersten Weltkrieg begann sich die Industrialisierung im Münchner Norden und in Freimann zu beschleunigen: Die Bayerischen Geschützwerke Friedrich Krupp errichteten hier ihr Rüstungswerk, erwarben Haus und Grund der Hofbesitzer und planten die Siedlung Nord für Werksangehörige, die dann aber erst vom Nachfolgeunternehmen Fritz Neumeyer AG erbaut und die dann von der Reichsbahn aufgekauft wurde.

Mit der Errichtung des Reichsbahnausbesserungswerkes wurde in den 1920er Jahren weiterer Wohnraum benötigt, weshalb nach den Plänen des Architekten Georg Gsaenger 500 Genossenschaftswohnungen (Bild links) in mehrgeschossigen Häusern südlich des Dorfkerns entstanden. Zudem entstanden in dieser Zeit die Eigenheim-Siedlungen Freimann-Süd, Blütenring und die Gemeindesiedlung. Ab 1932 entstand zudem die Reichskleinsiedlung  zur Schaffung von Wohnraum und als Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose.

Das industrielle Herzstück des Stadtbezirks , das Ausbesserungswerk Freimann, wurde allerdings 1995 geschlossen. Etwa während dieser Zeit wurde gegenüber das M,O,C Veranstaltungs- und Ordercenter (Bild links) mit 30.000 Quadratmeter im Auftrag der Messe München International nach den Plänen des Chicagoer Architekten Helmut Jahn errichtet. Für das Areal des ehemaligen Bundesbahn-Ausbesserungswerkes sind verschiedene Nutzungen geplant.

 

Die denkmalgeschützte ehemalige Dampflokrichthalle soll erhalten bleiben. Im nördlichen Teil der Halle soll ein Baumarkt realisiert werden. Der großflächige südliche Hallenbereich mit dem östlichen Vorbau sowie dem Kantinengebäude, dem Kesselhaus und dem Kohlenbunker sollen als sogenanntes „Forum für Fahrkultur“, eine Plattform für Interessierte von alten und seltenen Kraftfahrzeugen, umgebaut werden. Neben den Ausstellungs- und Handelsflächen, Restaurationswerkstätten oder Aufbewahrungs- und Wartungsboxen sind weitere Nutzungen wie Veranstaltungsflächen, Übernachtungsmöglichkeiten, Gastronomie oder Erlebniszonen, Flächen für Tagungen sowie ein Club für Autobegeisterte angegliedert. Das Forum für Fahrkultur soll täglich geöffnet und gänzlich öffentlich zugänglich sein.

Südlich des Lokhallenbereiches ist eine offene Gewerbe- und Bürobebauung mit kompakten Gebäuden beabsichtigt (Campus für Innovation und Forschung). Es ist hier an eine Ansiedlung von Firmen mit Bezug zu Auto und Mobilität als Ergänzung des Forums für Fahrkultur gedacht. Noch 2013 soll mit den Umbaumaßnahmen begonnen werden. Parallel hierzu soll der südliche Bereich mit einem Wettbewerb überplant werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg expandierte die Besiedlung Freimanns mit der Siedlung Freimann Kieferngarten (Bild links) nach Nordwesten. Die Bayerische Bauernsiedlung verpachtete an Ausgebombte und Heimatvertriebene Parzellen, auf denen diese in Eigenregie Einfamilienhäuser errichteten. Weiter westlich entstand ebenfalls durch Flüchtlinge zwischen Bombentrichtern des ehemaligen Wehrmachtsgelände die Grusonsiedlung und im Nordosten auf dem Grund des Fröttmaninger Bauern Wiesmayr die nichtgenehmigte Auensiedlung. Später entstand unweit davon die Kläranlage Großlappen mit Müllberg und Klärschlammdeponie errichtet, das später zum Fröttmanninger Berg renaturiert wurde. Bekanntheit ist das Gebiet heute durch die nach Plänen von Herzog & de Meuron errichtete Allianz Arena  des FC Bayern München.

 

 

Anfang der 1970er-Jahre entstand zwischen der Siedlung Nord und der Siedlung Kieferngarten die Hochhaussiedlung am heutigen U-Bahnhof Kieferngarten (Bild links). Diese dienten als Wohnraum für Bedienstete der Deutschen Bundespost und – nach dem Konkurs des Bauunternehmers Hubmann – für das Bayerische Rote Kreuz als eines der größten Seniorenheime Deutschlands.

Die größte Siedlung Freimanns wurde jedoch ab Mitte der 1980er-Jahre auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände die Wohnsiedlung Freimanner Heide errichtet.

 

Die Siedlung im Halbkreis des Carl-Orff-Bogens und des Werner-Egk-Bogens wurde für etwa 9000 Bewohner von den Architekten Peter Petzold und von den Landschaftsarchitekten Toni und Gottfried Hansjakob im Stil der Postmoderne (siehe Detail rechts) geplant. Die Geschosswohnungsanlage umgrenzt eine Reihe von grünen Innenhöfe und umfasst insgesamt in ihrem im Inneren einen großzügigen Landschaftspark. Im Norden grenzt die Anlage direkt an die Freimanner Heide. Mit dem HaidPark Fröttmaning wurde soeben die jüngste der Freimanner Siedlung fertiggestellt. Diese entstand zwischen 2008 und 2012 am Rand des Militärübungsplatzes Fröttmaninger Heide südwestlich der Allianz Arena in unmittelbarer Nähe des U-Bahnhofes Fröttmanning. Gerade abgeschlossen wurde das Studentenwohnheim der AWO, die als Riegel zur S-Bahn die Siedlung HaidPark vom Lärm abschirmt. Im Norden und Westen grenzt die Siedlung direkt am das Landschaftsschutzgebiet der Fröttmaninger Heide.

Mit der Errichtung des neuen Quartiers auf dem Gelände der Bayernkaserne beginnt ein neues Kapitel in der Siedlungsgeschichte Freimanns. Bis dahin werden allerdings noch einige Jahre vergehen.

 

Das Viertel in Zahlen

Freimann ist der nordwestliche Bezirksteil des Stadtbezirks Schwabing-Freimann. Im Osten bildet die A9 die Grenze zum Stadtviertel Obere Isarau, im Süden die Domagkstraße die Grenze zum Nachbarviertel Alte Heide-Hirschau und im Westen bildet die Ingolstädter Straße die Grenze zum Stadtbezirk Milbertshofen-Am Hart – mit einer Ausnahme: Die Siedlung südwestlich der Bayernkaserne zwischen Heidemannstraße im Norden und Paracelsusstraße-Spitzenstraße im Osten, Humbeckstraße im Süden und der Ingolstädter Straße im Westen gehört noch zum Bezirksteil Am Hart.

Freimann teilt sich in verschiedene Nutzungsbereiche auf: Im Norden liegt zwischen Schmidbartlanger und Am Kiefernwald bis zur Stadtgrenze das Naturschutzgebiet der Fröttmaninger Heide, südlich davon bis zur Heidemannstraße befindet sich weitgehend die Wohnbebauung der verschiedenen Siedlungen, während das Gebiet zwischen Heidemannstraße und Frankfurter Ring weitgehend durch Gewerbeansiedlung mit ehemaligen industriellen Charakter bestimmt ist.

Einwohner:  In Freimann wohnen überdurchschnittlich viele Familien mit Kindern. Der Altersdurchschnitt des Viertels liegt unter dem der Stadt, der Ausländeranteil aber über dem Stadtdurchschnitt.

Infrastruktur: Im Osten des Viertels verkehrt die U6 (Haltestellen Freimann, Kieferngarten, Frötmanning), zudem verkehren Buslinien. Der Osten grenzt an den Nordteil des Englischen Gartens, im Norden befindet sich die Allianz Arena und die Heidelandschaft. Gute Anbindung an die A9.

Immobilien: Der Bezirksteil ist weitgehend sehr großflächig bebaut, entsprechend unterschiedlich sind nach Lage Preise und Mieten.

Im Mietspiegel der Landeshauptstadt München wird der Bezirksteil Freimann als „durchschnittliche Wohngegend eingestuft. Ausnahme: Der Bereich zwischen A9 im Osten, der Max-Vallierstraße im Süden und derVölckerstraße-Ltzelsteinerstraße im Westen gilt als „einfache Wohnlage.

Weitere Informationen:

Bayernkaserne: Architektenentwürfe für neues Quartier für 4000 Wohnungen

Freimann: Youniq AG veräußert Studentenwohnheim

Mohr-Villa: Der Internetauftritt des Kulturzentrum in Freimann

Freimann & Fröttmaning: Internetseite zu den ehemals frühmittelalterlichen Siedlungen

Ausbesserungswerk Freimann: Internetseite des Stadtplanungsreferats zum aktuellen Planungsstand 

In der Mohr-Villa ist eine kleine Brochüre zur Ausstellung "Freimann und seine Siedlungen" gegen eine geringe Schutzgebühr erhältlich.