Kleinsiedlungen an der Heide

Am Hart wurden mit dem Bau der Reichskleinsiedlung bereits ab 1933 staatlich geförderter Wohnraum errichtet. Es folgten Ami-Siedlungen und Anlagen der städtischen Wohnungsgesellschaft. Nun steht mit der Erweiterung des FIZ von BMW das nächste Großprojekt an.

 

Am Hart ist von Arbeitersiedlungen und sozialem Wohnungsbau geprägt. Entgegen seinem Ruf als Spar- und Deflationspolitiker hatte der Reichskanzler Heinrich Brüning 1931 das Reichskleinstsiedlungsprogramm zur Arbeits- und Wohnraumbeschaffung aufgelegt. Nach der Machtergreifung von Adolf Hitler übernahmen die Nationalsozialisten das Programm des "Hungerkanzlers“ und gaben es als ihre Idee aus.

Eines der ersten Bauprojekte, die das neue Regime aus Brünings Bauprogramm weiterführte, war die Reichskleinsiedlung Am Hart im Münchner Norden. Entworfen hatte die 338 Häuser der Großsiedlung der städtische Oberbaurat Karl Meitinger. Karl Fiehler (NSDAP), neuer Oberbürgermeister Münchens, führte auf Rat seines Wohnungsbaureferenten Guido Harbers das Programm unter Meitingers Leitung weiter. Harbers, zuvor Mitarbeiter von Robert Vorhoelzer, Münchens bekanntestem Vertreter der Moderne, machte als Schwager des NS-Funktionärs und Hitlers Duz-Freund Hermann Esser, Karriere. Wie Meitinger war er zwar kein Vorzeige-Nazi-Architekt, arrangierte sich aber mit dem Regime.

Blut und Boden Das Projekt war Arbeitsbeschäftigungs- und zugleich Wohnraumprogramm für erwerbslose „Siedlungsanwärter“. Durch Eigenarbeit und Arbeitsdienst ließen sich die Entstehungskosten auf 4070 Reichsmark drücken, wovon 2350 Reichsmark durch ein Reichsdarlehen gedeckt waren. Jedes der nur einstöckigen Häuser (Bild links) mit ausbaufähigem Dachgeschoss hatte eine Wohnfläche von 60 Quadratmeter mit Wohnküche, vier Schlafzimmern und einem Stall für Kleintierhaltung.

Harbers Einrichtungsvorschlag war eher von einer vom Bauhaus beeinflussten nüchternen Moderne geprägt, statt von der NS-Ideologie. Dies änderte sich nach der Fertigstellung der 338 Kleinsthäuser. In deren Nachbarschaft wurden dann die Kleinsiedlungen Neuherberg und Kaltherberg errichtet, die neuen Richtlinien verlangten aber nun von den Siedlern, dass diese „deutschen oder artverwandten Blutes und politisch zuverlässig“ seien.

Ein ideologischer Musterbau entstand auch an der Ecke Neuherbergstraße/Ingolstädter Straße mit der Kaserne für die SS-Verfügungstruppe Deutschland (Bild links), an dessem Richtfest 1935 Heinrich Himmler persönlich teilnahm. „Der den Herrschaftsanspruch der SS symbolisierende  Komplex war wie ein mächtiges Eingangstor der Stadt geplant und sollte Teil der projektierten Nordstadt werden, die München wie ein Riegel begrenzt hätte“, so Benedikt Weyerer in „Ort und Erinnerung – Nationalsozialismus in München“.

Südlich des Blocks mit eigenem Kraftwerk und Versorgungseinrichtungen entstand eine Siedlung für SS-Angehörige und ihre Familien.

 

Ami-Siedlung südwestlich der Warner-Barracks

Nach dem Krieg wurde die SS-Kaserne von der USA als Kaserne (Warner-Barracks) und US-Emigration-Center übernommen. Es war damit zeitweilig nach dem Pentagon das größte Gebäude der US Army. Seit 1971 befindet sich in dem nun als Ernst-von-Bergmann-Kaserne bezeichneten Gebäudekomplex die Sanitätsakademie der Bundeswehr.

In den 1950er-Jahren wurde in der Rockefellerstraße auch die Siedlung Neuherberg für Angehörige der US-Army errichtet. Die mehrgeschossigen Gebäude (Bild links) wirken heute entgegen der Straßenbezeichnung alles andere als luxuriös, liegen aber innerhalb einer Grünanlage mit altem Baumbestand.

 

GWG-Bauten nach Plänen aus der Nazi-Zeit

Auf dem Grund des ehemaligen Gut Harthof entstanden westlich davon noch nach den Plänen von 1937 gut zwei Dutzend zwei- bis fünfgeschossige Zeilenbauten des sozialen Wohnungsbaus der städtischen GWG.

Die Mitte des Quartiers entstand an der Ecke Lieberweg und Weyprechtstraße mit verschiedenen Geschäften und Gastronomie. Am 30. Juni 1957 wurde die von Franz Gürtner entworfene evangelische Versöhnungskirche für die vielen neu Hinzugezogenen eingeweiht.

Der Harthof wuchs in der Folge zur „größten zusammenhängenden Wohnanlage in München“. 1964 zählte die GWG 1728 neu errichtete Wohnungen, 1978 lebten schon fast 11.000 Menschen in 3500 Wohnungen.

 

 

Passivhäuser ersetzen Nachkriegsbauten

Weil viele der Häuser mit zu kleinen Grundrissen und schlechten Wohnstandards nicht mehr zu sanieren waren, beschloss der Stadtrat 2004 den Abriss und Neubau der Sozialwohnungen.

Doch auch wenn die neu errichteten oder aktuell im Bau befindliche Geschossbauten nun zum Teil sogar den energetischen Standard eines Passivhauses erreichen, so geht doch mit den in grellem Rot und Grün angestrichenen Neubauten am Lieberweg (siehe Bild links) nach Plänen der Steidle Architekten einiges an Flair durch den Abriss der Nachkriegshäuser verloren.

Immerhin bleibt mit der Schule und dem Kindergarten in der Hugo-Wolfstraße von den Architekten Adolf und Helga Schnierle und Fritz Florin das einzige denkmalgeschützte Bauwerk im Viertel erhalten.

 

Statt dem Übungsplatz für Panzer gibt es Studentenwohnungen

Im vergangenen Jahrzehnt entstand schließlich zwischen 2003 und 2009 mit der Nordheide mit über 2500 Wohnungen die vorläufig letzte Neubausiedlung im Stadtviertel. Am südwestlichen Rand der Panzerwiese, einer ehemals militärisch genutzten, heute als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Heidelandschaft, entstanden öffentlich geförderte, aber auch frei finanzierte Wohnungen mit entsprechender Infrastruktur. Dazu gehören neben Schule und Kitas auch das Einkaufszentrum Mira, von dem sich die Betreiber allerdings mehr Umsatz erwartet hatten, sowie die architektonisch interessante Studentenwohnanlage (bogevisch buero) und dem katholischen Dominikuszentrum (Andreas Meck).

Das Großprojekt der kommenden Jahren soll auf dem Gelände der ehemaligen Kronprinz-Rupprecht-Kaserne (Bild links) und des benachbarten Virginia-Depots entstehen. Es sollen hier aber keine Wohnungen, sondern das FIZ-Future, die Erweiterung des Forschungs- und Innovationszentrum FIZ der BMW Group für künftige Elektroautos errichtet werden. Anfang Mai 2014 fand die Preisgerichtssitzung der ersten von zwei Wettbewerbsstufen statt, wobei von zwölf Entwürfen sechs ausgewählt wurden.

Schon längst wohnen am Hart auch die Mitarbeiter des FIZ. Sie können so schlecht nicht verdienen. Vor den Häuschen der Reichskleinsiedlung stehen nun dicke BMWs.

 

 

Das Viertel in Zahlen

 

Die ehemals landwirtschaftlich genutzte Gegend hat früher überwiegend zur Gemeinde Feldmoching gehört. Nur das Gebiet um Kaltherberge an der heutigen Ingolstädter Straße war Teil der Gemeinde Milbertshofen. Heute ist das Stadtviertel Am Hart eines von drei Bezirksteile des 11. Münchner Stadtbezirks Milbertshofen – Am Hart. Im Norden bildet der Autobahnring-Nord der A99 am Hartholz die Stadt- und Stadtbezirksgrenze. Die Ingolstädter Straße bildet die östliche Grenzlinie zum Stadtteil Freimann des 12. Münchner Stadtbezirks (Schwabing-Freimann), im Süden wird das Viertel durch die Gleise nördlich des Frankfurter Rings zum Nachbarviertel Milbertshofen begrenzt. Die Schleißheimer Straße bildet die westliche Grenzlinie zum Viertel Hasenbergl-Lerchenau Ost des 24. Münchner Stadtbezirks.

 

Einwohner: Am Hart weist einen der höchsten Ausländeranteile der Münchner Stadtviertel auf. Es ist geprägt durch Familien mit Kindern, weshalb das Durchschnittsalter relativ niedrig ist. Aufgrund der Panzerwiese und der lockeren Bebauung ist die Bevölkerungsdichte unterdurchschnittlich.

 

Infrastruktur: Das Viertel wird durch einen Grüngürtel durchzogen, im Norden befindet sich das Naturschutzgebiet Panzerwiese (großes Bild ganz unten), im Westen der Lerchenauer und der Feldmochinger See. Im Viertel gibt es drei U-Bahnhöfe der Linie U2. Einzelhandel findet sich im Harthof und in der Nordheide. 

 

Immobilien: Für ein Viertel mit der großen Wohnungszahl gibt es wenig Kauf- und Mietangebote aufgrund des hohen Anteils von Sozialwohnungen.

 

Erstmals erstellt am 09.06.14 von Ulrich Lohrer

Bilder: Luftbild - FIZ/BMW Group; sonst - Ulrich Lohrer