Kreuzviertel: Konsumtempel und Paläste im Eremitenviertel

Früher fasteten hier die Eremiten und bewohnten Mönche Klöster. Später residierte der Adel und dann die Banken in pompöse Paläste. Nun wandelt sich das Kreuzviertel in der Münchner Altstadt erneut. Nun entstehen Konsumtempel und Luxushotels für zahlungskräftige Touristen.

 

In der ältesten erhaltenen Kirche des Kreuzviertels in der Münchner Altstadt, der ab 1291 erbauten Augustinerkirche, befindet sich heute im Obergeschoss das Deutsche Jagd- und Fischereimuseum. Im Erdgeschoss haben sich Schmuck- und Modeläden etabliert. Sie liegen direkt an der Neuhauser Straße, Deutschlands von Passanten am häufigsten frequentierte Einkaufsmeile. 

Als hier die Augustiner, ein Bettelorden, ihr Kloster gegründet hatten, lag die Stelle noch außerhalb der Stadtmauer und wurde Eremitenviertel genannt. Sie brauten Bier, dass auch heute noch ihren Namen trägt.  Im Alten Hof residierte Ludwig dem Strenge und stellte mit dem Bau für die für zweite Stadtmauer die Weichen für das Wachstum Münchnens.

Erste Blüte des Bürgertums

Der Salz-, Getreide und Tuchhandel der Münchner Kaufleute zog Menschen an und ließ die Einwohnerzahl ansteigen. Das Stadtparlament mit 36 Handwerker und Kaufleute bestimmte die Geschicke der Stadt. Zu den Patrizierfamilien gehörten die Bart, Diener, Impler, Katzmair, Ligsalz, Pütrich, Ridler, Schrenk, Sendlinger und Tulbeck. Im 15. Jahrhundert erreichte die Bürgerstadt ihre Hochblüte, die sich am Bau der Domkirche zu Unserer Lieben Frau – der Frauenkirche – manifestierte. Zwar kam der Beschluss zu dem Kirchenbau an der Stelle des kleinen romanischen Vorgängerbaus von Herzog Sigismund, doch war der wirkliche Grund für den Bau der gestiegene Wohlstand und Selbstbewusstsein des Bürgertums. 20 Jahren nach der Grundsteinlegung im Jahr 1468 wurde der riesige Backsteinbau von Jörg von Halsbach, der auch das (alte) Rathaus entwarf, erbaut. Die Frauenkirche bietet im Inneren 20.000 Menschen Platz – bei ihrer Fertigstellung hatte München aber gerade mal 13.500 Einwohner. Die Welschen Hauben wurden jedoch erst unter Halsbachs Nachfolger als Dombaumeister, seinem Schüler Ludwig Rottaler, an den Türmen angebracht.

Absolutismus im Dienst der Gegenreformation

Wahrscheinlich predigte der junge Martin Luther 1510 auf seiner Romreise in der Augustinerkirche, wo sein Lehrer und Beichtvater Johann von Staupitz Prior der Münchner Augustiner-Eremiten war. Die Reformationsschriften Luthers verbreitete sich ab 1519 durch die Staupnitz´Druckschriften und fanden Anklang bei einigen Patrizier.

Kaiser Karl V. und die Herzöge fürchteten Aufruhr. Am 5. März 1522 wurde mit dem 1. Bayerischen Religionsmandat in Grünwald Luthers Lehre verdammt. Bayerns Herzog und sein Kanzler Leonhard von Eck beriefen die Jesuiten als Vorkämpfer der Gegenreformation in die Universität Ingolstadt. Als reformatorische Täufer 1527 in München eine Gemeinde gründeten, wurde gnadenlos gegen sie vorgegangen – im Februar des gleichen Jahres wurde ein Täufer in der Frauenkirche hingerichtet. 

1555 ließ der Herzog den Protestantismus in München ganz verbieten und berief 1559 die Jesuiten nach München. Zwar setzte ab 1583 eine gewaltige Bautätigkeit im Kreuzviertel ein. Die Bauherren waren aber nicht Bürger, sondern Herzog Wilhelm V..

 

Der Herzog bediente sich bei seinen Großprojekten vor allem der Expertise seines Kunstintendanten, dem niederländischen Maler und Architekten Friedrich Sustris, sowie dem Augsburger Baumeister Wendel Dietrich. Neben dem Augustinerkloster wurde das Jesuitenkolleg (Bild oben links) – der späteren Alte Akademie –  und die angrenzende Kirche St. Michael errichtet. Dafür wurden zuvor 34 Bürgerhäuser abgerissen. Die Michaelskirche war die größte Kirche im Renaissance-Stil nördlich der Alpen und hat nach dem Petersdom in Rom das größte Tonnengewölbe der Welt. Ähnlich wie das Escorial von Philipp II von Spanien, ließ Wilhelm sich eine Palast errichten,  der mit den Bauten der Jesuiten verbunden war. Die später als Maxburg bekannte Anlage wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Nur ein Turm blieb bestehen, den Sep Ruf und Theo Pabst in der Neuen Maxburg integrierten. Bauten und Kriege Wilhelm V. brachte Bayern aber bereits 1597 an den Rand des Staatsbankrott, weshalb er zu Gunsten seines Sohnes Maximilian erst 49-jährig abdanken mußte.

Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg setzt unter Ferdinand Maria und und dessen Gemahlin Henriette Adelheid von Savoyen erneut ein Bauboom ein – diesmal im Stil des italienischen Barock ein. Außerhalb der Stadtmauern entstand Schloss Nymphenburg und im Kreuzviertel Kloster und monumentale Kirche für den Orden der Theatiner. Verschiedene Architekten, von Agostino Barelli, Antonio Spinelli, Enrico Zucalli, Giovanni Viscardi sowie Francois Cuvillies, waren zwischen 1662 und 1765 an dem Bau beteiligt. In dieser Zeit wurde auch mit der Dreifaltigkeitskirche von Giovanni Antonio Viscardi in der heutigen Pacellistraße ein Architekturjuwel im Stil des römischen Hochbarocks erbaut.

Der Adel baut sich Stadtpaläste

Vor allem im 18. Jahrhundert nahm der Adel zunehmend Besitz vom Kreuzviertel. Es entstanden aufwendige und große Stadtpaläste im Stil des Spätbarocks und des Rokoko, so 1693 das Palais Porcia nach Plänen von Enrico Zucalli, 1723 bis 1728 das Palais Preysing von Joseph Effner, 1733 bis Palais Holnstein und  1737 das Palais Neuhaus-Preysing von François de Cuvilliés und dessen Umfeld sowie 1765 das Palais Gise von Karl Albert Lespilliez. Die meisten erhaltenen Palais stehen in der Kardinal-Faulhaber-Straße, der Prannerstraße oder dem Promenadenplatz.

Als Maximilian von Montgelas 1796 die Regierungsgeschäfte Bayerns übernahm und unter Einfluss der französischen Revolution und Napoleons Aufstieg den Staat radikal reformierte, verloren mit der Säkularisation Kirche, Orden und Klöster nicht nur im Kreuzviertel, sondern in ganz Bayern Macht und Besitz.

Die Entscheidungen wurden jetzt auch kaum mehr in der Residenz, sondern weitgehend im angrenzenden Kreuzviertel gefällt: im Landtag in der Prannerstraße, dem Innenministerium in den Gebäuden des aufgelösten Theatinerklosters sowie vor allem in dem Palais Montgelas, das sich der Minister ab 1811 von dem portugiesischen Architekten Emanuel Herigoyen im klassizistischen Stil errichten ließ und das heute Bestandteil des Bayerischen Hofes ist (Bild unten links).

Banker und Industrielle beziehen die Adelspaläste 

Auch wenn Montgelas 1817 entlassen wurde und König Ludwig I. eine kirchenfreundlichere Politik betrieb, so änderte sich die Struktur der Mächtigen im Kreuzviertel. 1841 ließ Joseph Anton Maffei, der als Gründer seiner Lokomotivenfabrik und der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank zu einem der reichsten Männer Bayerns geworden war, von Friedrich Gärtner das Hotel Bayerischer Hof errichten.  Seit dem Kauf des Hotels durch Hermann Volkhardt im Jahr 1897, befindet sich das Grand Hotel im Besitz der Familie Volkhardt (siehe Bild unten links).

Ende des 19. Jahrhunderts übernahmen zunehmend Banken alte Adelspalais. Zum Teilwurden die Palais auch abgerissen und durch monumentale Bankpaläste ersetzt.

An der Stelle eines spätklassizistischen Adelspalais, dass 1846 Joseph Anton Maffei erworben wurde, entstand 1885 nach Plänen der Berliner Architekten Wilhelm Martens und Emil Schmidt im Hochrenaissancestil das Gebäude für die Bayerische Vereinsbank in der Kardinal Faulhaber Straße 14, Ecke Maffeistraße (siehe Bild oben links, Gebääude rechts).

Schon zuvor wurden alte Häuser entlang der Gasse zwischen Promenadenplatz und Theatinerstraße abgerissen und die breite Maffeistraße errichtet. Zu beiden Seiten weitete sich in der Folgezeit der Immobilienbestand der Bayerischen Vereinsbank aus und wurde durch den Maffeibogen über der Maffeistraße miteinander verbunden. Im 20. und 21. Jahrhundert fusionierten die Banken zur Hypovereinsbank (HVB) beziehungsweise wurden von der italienischen Unicredit übernommen.

 

Entlang der Kardinal-Faulhaber-Straße entstanden weitere Bankpaläste für andere Banken: So fand die Königliche Filialbank, ab 1918 Bayerische Staatsbank genannt, vom Münchner Architekten und Bauunternehmer Albert Schmidt errichteten einem monumentalen Neubarockgebäude im Stil der römischen Palastarchitektur in der Hausnummer 1 ihren Sitz (Bild links).

Seitlich gegenüber wurde in der Kardinal-Faulhaber-Straße 10 ein Palast für die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank vom Berliner Architekten Emil Schmidt im Stil des Wiener Barocks erbaut.  Auch entlang dem Promenadenplatz, der Prannerstraße und der Pacellistraße entstanden neue Bankgebäude beziehungsweise bezogen die Kreditinstitute wie BHF-Bank, Deutsche Bank, Commerzbank, Merck, Finck u Co. ehemalige Adelspalais.

Tempel für Konsumenten und Touristen

In den vergangenen Jahren zeichnet sich mit dem Rückzug der mittlerweile zur UniCredit Gruppe gehörenden HypoVereinsbank (HVB) aus dem Kreuzviertel eine weitere grundlegende Änderung im Kreuzviertel zu Gunsten des Einzelhandels und der Hotel- und Gastronomiebranche ab. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde das Gebäudeensemble der HVB zwischen Theatinerstraße und Kardinal-Faulhaber-Straße durch die Basler Architekten Herzog de Meuron sowie Hilmer & Sattler zur Luxus-Einkaufspassage Fünf Höfe aufwendig umgestaltet (Bild links, mit Skulptur von O. Eliason). Die Fünf Höfe sind nun Eigentum eines Offenen Immobilienfonds der Union Investment Real Estate.

Auch das HVB-Ensemble südlich der Maffeistraße wurde  für den Einzelhandel und für die Gastronomie umgestaltet. Architekt des als spannungsvolle Abfolge von Arkaden, Durchgängen, Plätzen und Passagen mit Ziegel und großflächigen Verglasungen erbauten Schäfflerhofs ist der Tessiner Ivano Gianola, der auch den Maffeihof in den Fünf Höfen gestaltete.

Vor kurzem hat die HVB auch den Gebäudeblock zwischen der Prannerstraße, Salvatorstraße sowie der Kardinal-Faulhaber-Straße 1 – kurz KFS 1 genannt – an die Schörghuber Unternehmensgruppe verkauft. Ende 2014 gab das Schörghuber Tochterunternehmen Bayerische Hausbau bekannt, dass es in den ehemaligen Bankschalterhallen und Verwaltungsräumen ein Luxushotel, neue Büros und Wohnungen errichten will. Vor allem die Hotelpläne stießen beim Bayerischen Hof auf scharfe Kritik.

Eine weiteres Großprojekt der kommenden Jahren im Kreuzviertel betrifft die Umnutzung der Alten Akademie. Der Freistaat hat das Areal des ehemaligen Jesuitenkolleg und Bastion der Gegenreformation auf Basis eines Erbpachtzinses an die österreichischen Immobilienunternehmen Signa Holding des 38-jährigen René Benko verkauft. Obwohl von dem denkmalgeschützten Ensemble nur noch die Fassaden der Alten Akademie erhalten sind, wird sich der Umbau für die gewünschte neue Nutzung der Alten Akademie für Einzelhandel, Wohnungen und Büros für den Entwickler nach Einschätzung von Experten nicht leicht gestalten. Einfacher hat es da im rückliegenden Bereich entlang der Maxstraße das Erzbischöfliche Ordinat, die nach Plänen von Fink & Jocher den Eingangsbereich des neu gestalten.

Gebaut wird aktuell auch im Norden des Viertels beim Maximiliansplatz. Hochtief Projektentwicklung errichtet an der Stelle des ehemaligen Bankhaus Reuschel das Bürogebäude Max 13, am Wittelsbacherplatz baut Siemens sich die neue Konzernzentrale und gegenüber dem von Franz Hart entworfenem Salvatorparkhaus  entsteht ein neues Wohn- und Geschäftshaus.

Auch in den kommenden Jahren werden Handwerker und Baufirmen im Kreuzviertel noch einiges zu tun haben. Die Zeiten, in denen sich hier die Eremiten zum stillen Gebet zurückzogen, sind lange vorbei.

 

Das Viertel in Zahlen

Das Kreuzviertel ist ein Teil des ersten Münchner Stadtbezirks, Altstadt-Lehel. Im Süden wird es vom Karlsplatz bis zum Marienplatz von der Kaufingerstraße und der Neuhauser Straße vom Nachbarviertel, dem Hackenviertel begrenzt. Im Osten bildet vom Marienplatz bis zum Odeonsplatz die Theatinerstraße die Grenze zur östlich gelegenen Graggenau. Im Nordwesten bildet der Altstadtring beim Maximiliansplatz die Grenze zum Nachbarbezirk Maxvorstadt.

 

Einwohner: Das Kreuzviertel ist eines der Viertel mit der geringsten Einwohnerdichte und weist mit 564 Einwohnern auch absolut die wenigsten ständigen Bewohner auf. Diese sind zu einem sehr hohen Anteil Singles und überdurchschnittlich viele Ausländer. 

Infrastruktur: Die Altstadt ist Münchens Einzelhandelszentrum und mit Marienplatz und Stachus der verkehrstechnisch mit am besten erschlossene Bezirk. Im Kreuzviertel befinden sich eher Läden, Bars, Restaurants und Hotels des gehobenen Segments.

Immobilien: Aktuell wird nur eine Wohnung zur Miete und kein Objekt zum Kauf angeboten. Die geplanten Projekte in der Alten Akademie und im HVB-Areal würden den geringen Wohnungsbestand relativ stark vergrößern.

Das gesamte Kreuzviertel wird im Mietspiegel der Landeshauptstadt München als "beste" Wohnlage eingestuft.