Die Graggenau

Die Graggenau ist neben dem Kreuzviertel nicht nur Münchens ältestes Stadtviertel, sondern auch der Ort, von dem München seit jeher regiert wird. 

 

Das Stadtviertel ist eines von sechs Bezirksteilen des Stadtbezirks Altstadt-Lehel.  Im Westen wird das Viertel von der Wein- und Theatinerstraße, im Norden vom Odeonsplatz und Hofgarten begrenzt. Die östliche Grenze der Graggenau zum Lehel bildet der Franz-Josef-Strauß-Ring, der Karl-Scharnagl-Ring und der Thomas-Wimmer Ring. Im Süden verläuft die Grenze zum Angerviertel entlang dem Isartor, dem Tals und dem Marienplatz.

Der Name des Graggenauer  leitet sich von der Graggenau ab, einer 1325 als „Grakkaw“ und 1326/27 als „Gragkenawe“ genannten Flurbezeichnung, die ihre Wurzel im Wort Krack hat, das Rabe, Krähe bedeutet. Mit dem Kreuzviertel zusammen bildete das Graggenauer Viertel im Mittelalter das Gebiet der Frauenkirche und ab 1954 den Stadtbezirk Altstadt Nord.  Das Viertel ist wird auch durch die herzoglichen Bauten des Alten Hofs und der Residenz in zwei Hälften geteilt, die Altstadtterrasse und das Tal. Die Altstadtterrasse nördlich des Marienplatzes wurde zunächst von der Hofdienerschaft und später von wohlhabenden Bürgern bewohnt. Im Tal siedelten sich vor allem Handwerker an.

 

Machtzentrum

Als Herzog Heinrich der Löwe aus dem Haus der Welfen 1157 die Brücke und den Marktplatz in Oberföhring zerstörte, erhob er die kleine Ansiedlung Munichen zur Stadt mit Marktrechten und eigener Münzprägung. Historiker vermuten, dass sich der herzogliche Fronhof an der Stelle des Alten Hofs in der heutigen Graggenau befand. Der Wittelsbacher-Kaiser Ludwig dem Bayern baute hier seine prunkvolle Residenz „Ludwigsburg“ aus. Heute ist der „Alte Hof" im Besitz von Offenen Immobilienfonds, Family Offices und vermögenden Privaten. Die mittelalterliche Gebäude, die durch Baumaßnahmen des 19. Jahrhunderts und durch Bombenschäden weitgehend zerstört wurden, werden nun als Büro-, Einzelhandels- und Wohnquartier genutzt. Die gezahlten Büro- und Ladenmieten und die von privaten Immobilienkäufer erworbenen Eigentumswohnungen liegen an der Spitze der Münchener Preis- und Mietskala. 

Bereits 1385 hatte die Wittelsbacher jedoch wegen der Bürgeraufstände  in der Stadt ihr Machtzentrum vom Alten Hof zur „Neufeste“ verlagert. Über Jahrhunderte bauten die Wittelsbach der Residenz zu einem sich ständig wandelnden riesigen Baukomplex aus. Ursprünglich lag das Gebiet außerhalb der Stadt, heute gehört es ebenfalls zum Stadtteil Graggenau. Eine wesentliche Umgestaltung erhielt die Residenz Anfang des 19. Jahrhunderts durch Leo von Klenze. Mit der Revolution von 1918 endete die Herrschaft der Wittelsbacher und damit die Residenz als Herrschaftsmittelpunkt.

Auch das heutige Machtzentren befindet sich mit dem Regierungssitz des Bayerischen Ministerpräsidenten und dem Rathaus, als Sitz des Oberbürgermeisters und dem Stadtrats, in der Graggenau.

 

1968 wurde das Prinz-Carl-Palais, angrenzend zum Hofgarten direkt am Altstadtring, der Dienstsitz des Bayerischen Ministerpräsidenten. Seit 1993, dem Umzug in die neue Bayerische Staatskanzlei, beschränkt sich die Nutzung des Palais allerdings nur auf Repräsentationszwecke. Die Bayerische Staatskanzlei ist deutlich pompöser als das frühklassizistische, von dem damals 21-jährigen Karl von Fischer 1803 erbaute Palais(Bild links: rechts Prinz-Carl-Palais, links im Hintergrund die Bayerische Staatskanzlei).

Bereits 1962 wurde beschlossen in der Nähe des Prinz-Carl-Palais die neue Staatskanzlei zu errichten, ein von dem Architekten Uwe Kiessler ausgearbeiteter Entwurf wurde allerdings nicht realisiert.

 Stattdessen sollte erst später auf Betreiben des damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß das ehemalige, vom Krieg zerstörte Armeemuseum nach den Plänen von Reto Ganser und Diethard Siegert in die Bayerische Staatskanzlei umgebaut werden. Dies entsprang nach Meinung vieler Kritiker dem absolutistischen Macht- und Repräsentationsanspruch von Franz Josef Strauß. Dieser konnte das neue Gebäude allerdings selbst nicht mehr nutzen, da er bereits fünf Jahre vor Fertigstellung des „Straußoleums“ verstarb .

 

 

 

 

 

Tourismuszentrum

Das bürgerliche München war seit dem Mittelalter durch das Alte Rathaus in diesem Viertel repräsentiert. Im 19. Jahrhundert mussten die Häuser nördlich des Marienplatzes dem Bau des Neuen Rathaus weichen. Nördlich des Neuen Rathauses liegt heute der Marienhof, die letzte große Baulücke aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine Wiederbebauung ist nicht vorgesehen, hier soll die größte Grünfläche der Altstadt entstehen. Gegenwärtig werden im Vorfeld des geplanten Baus der zweiten S-Bahn-Stammstrecke archäologische Ausgrabungen durchgeführt.

Wegen seiner Nähe zum Hof war das Graggenauer Viertel bei Reisenden besonders beliebt. Heute bildet das Platzl mit dem von Max Littmann erbauten Hofbräuhaus einen touristischen Anziehungspunkt. Der heutige Bierpalast, der nach der Verlegung des Brauerei an die Innere Wiener Straße im 19. Jahrhundert erbaut wurde, ist das meist besuchteste Gebäude im Viertel. Das Hofbräuhaus entstand wie die Hofpfisterei, eine Mühle mit gleichem Namen, als höfischer Betriebe in der Nähe der Residenz.

 

 

Einkaufszentrum

 

Im Residenzviertel siedelten sich Händler an, die zum Teil heute noch existieren. Am bekanntesten ist Feinkost Dallmayer an der Dienerstraße (Bild links) und Ludwig Beck am Rathauseck. Weitere Hoflieferanten waren der Juwelier P. Rath – Karl Rothmüller an der Theatinerstraße und das Möbelhaus Böhmler im Tal sowie fünf in der Residenzstraße angesiedelte Einzelhändler: die Konditorei Rottenhöfer, das Schuhgeschäft Eduard Meier, das Tee- und Kaffee-Fachgeschäft Eilles und das Uhrengeschäft Huber sowie der Tabakwarenhändler Zechbauer.

Dass die Graggenau heute ein touristisches Zentrum in München ist, ist neben den Museen der Residenz sicherlich der Attraktivität Einzelhändler zuzuschreiben. So sind die wichtigsten Laden-Standorte des Viertels neben dem Marienplatz, die Dienerstraße und der Theatinerstraße vor allem die Luxusmeile Maximilianstraße.

 

Die von Maximilian II. in Auftrag gegebene und von Friedrich Bürcklein zwischen 1852 bis 1853 entwickelte Prachstraße verband in der Art der Champs-Elysées Häuserfluchten und Grünanlagen und wurde in einem extra dafür konzipierten Stil ausgeführt. Auf Wunsch des Königs berücksichtigte Bürcklein dabei das gotische Element, dass nach Maximilians Ansicht in der Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner gestalteten Ludwigsstraße zu kurz gekommen war. Bürcklein entwarf auch die meisten Gebäude des Straße, die auf der anderen Seite der Isar mit dem Maximilianeum seinen Optischen Abschluss bildet. Innerhalb der Graggenau befindet sich der Westteil der Straße, in dem sich heute vor allem Juweliers, Luxusmodegeschäfte und Galerien befinden.

 

 

Zentrum der Nobelhotels

Am Anfang der Maximiliansstraße befindet sich auch das derzeit größte Bauvorhaben des Viertels. Hinter der von Leo von Klenze entworfenen Fassade der Residenzpost entsteht mit dem „Palais an der Oper“ ein komplett neues Geschäfts- und Wohnquartier. Ursprünglich hatten die Investoren  LBBW Immobilien und die Accumulata beabsichtigt, dort ein weiteres Luxushotel unterzubringen. Doch aufgrund der Finanzkrise konnten die Preisvorstellungen für diese Zielgruppe der Nutzer nicht realisiert werden. Mittlerweile dürfte den Bauherren die Nachfrage nach Luxuswohnungen und repräsentativen Firmenunterkünften im Zentrum der Stadt entgegenkommen. Entworfen wurde das neue Gebäude im alten Gewande von den Architekten Hilmer Sattler und Albrecht. 

 

In der Maximilianstraße 17/19 befindet sich aber bereits das traditionelle Luxushotel „Vier Jahreszeiten“. Das 1856 bis 1853 von Rudolf Gottgetreu entworfene Gebäude  (Bild links) wurde von dem Weinhändler und späteren Hotelier August Schimon 1858 eröffnet. Heute befindet sich das Haus im Besitz der Hotelkette Kempinski. 

Unweit von den "Vier Jahreszeiten" und ebenfalls im Stadtteil Graggenau, allerdings nicht in der Maximilianstraße, sondern in der Neuturmstraße, Ecke Hochbrückstraße befindet sich ein weiteres Luxushotel, das Mandarin Oriental. Als 1875 bis 1880 der Architekt und Besitzer Johann Kilian Stützel das Gebäude errichten liess, nutzte er es allerdings nicht als Hotel, sondern unter dem Namen "Centralsäle" als Veranstaltungsort für Tanzveranstaltungen. Erst 1990 wurde das umgestaltete Gebäude als Nobelhotel unter dem Namen Raffael eröffnet. Zehn Jahre später übernahm es die asiatische Luxushotelkette Mandarin Oriental (Bild oben rechts). 

Dem Luxussegment gehört auch das Cortiina in der Ledererstraße 8 an (Bild links). Das geschmackvoll moderne Haus weißt allerdings nur 75 Zimmer auf und zählt dabei nicht zu den größten seiner Kategorie. Zu den führenden Nobelherbergen gehört vor allem auch der Bayerische Hof, der aber im Kreuzviertel am Promenadeplatz und nicht in der Graggenau seine Adresse hat.

 

 

Kulturzentrum

Gegenüber des Hotels "Vier Jahreszeiten" sind drei ursprünglich von Friedrich Bürklein entworfene Gebäude – die nach dem Bauherrn, dem Likörfabrikanten Anton Riemerschmid – zusammenfassend als Riemerschmid-Block bezeichnet werden. Es enthält auch das Schauspielhaus, das seit 1926 Sitz der von Otto Falckenberg gegründeten Münchener Kammerspiele ist.

Die Innengestaltung wurde von dem Architekten Richard Riemerschmid, dem bedeutendsten Vertreter des Münchner Jugendstil und einem Nachkommen Anton Riemerschmid gestaltet. Dem „in sich geschlossenen, bis hin zum einzelnen Beleuchtungskörper und Türgriff auch das kleinste Detail berücksichtigenden raumästhetischen Konzept Riemerschmid verdant das Schauspielhaus seinen Rang als einzigartiges Gesamtkunstwerk des Jugendstils“ (Schaul 1987).

 

An der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich mit der Residenz und dem Nationaltheater die dichteste Ansammlung an kulturellen Bauten im Viertel.

1802 rief Maximilian Graf von Montgelas ein Wettbewerb für ein Nationaltheater aus, den der erst 21-jährige Karl von Fischer gewann. Das Nationaltheater erinnert von außen an einen griechischen Tempel. Es besitzt einen zweifachen Dreiecksgiebel. Der Eingangsbereich wird von korinthischen Säulen getragen. Das Innere ist ebenfalls nach klassisch-griechischem Vorbild gestaltet. Die prachtvolle Königsloge bildet das Zentrum des 2100 Zuschauer fassenden Innenrondells. Das Gebäude wurde mehrmals durch Brand und im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört, aber immer wieder aufgebaut. Heute ist es Spielort der Bayerischen Staatsoper und Mittelpunkt der alljährlich stattfindenden Münchner Opernfestspiele.

 

 

Das bedeutendste Gebäude in vielfacher Hinsicht in der Graggenau ist jedoch die Residenz. Der weitläufige Palast ist das größte Innenstadtschloss Deutschlands und heute eines der wichtigsten Raumkunstmuseen Europas. Nachdem durch die Revolution 1918 durch den Machtverlust der  Wittelsbacher der Gebäudekomplex als Regierungssitz verloren gegangen war, wurde der Schritt hin zum Museum vollzogen. Bereits zur Zeit König Ludwig I. konnten interessierte Bürger auf Voranmeldung die Räumlichkeiten des Königsbaus besichtigen. Das heutige Residenzmuseum zeigt mehr als 130 Schauräume in einem Vormittags- und einem Nachmittagsrundgang. Eine Audio Führung wird in fünf Sprachen angeboten. Neben dem Antiquarium der Alten Hofkapelle und den zahlreichen Prunksälen, den so genannten Kaiserzimmern, den Reichen Zimmern und den repräsentativen Wohnräumen Ludwigs I. sind die Porzellankammern, mit Exponaten aus Europa und einer ostasiatischen Sammlung sowie das  Miniaturenkabinett mit 129 Miniaturgemälden international bedeutend. Ferner gibt es noch eine Reliquienkammer und die Silberkammern.

Den Abschluss nach Norden bildet für das Viertel der Odeonsplatz und der Hofgarten. Der Bereich wurde bis Anfang des 19. Jahrhunderts durch das nördliche Stadttor – dem Schwabinger begrenzt. Mit der Neugestaltung durch Leo von Klenze im Auftrag des Kronprinzen Ludwig wurde der Ausgangspunkt für den städtebaulichen Aufstieg Münchens geschaffen: entlang der neuen Ludwigsstraße wurde die Stadt erheblich nach Norden ausgeweitet und mit der Brienner Straße nach Westen ausgedehnt. Direkt am Schwabinger Tor befand sich damals das Preysing-Palais, eines der größten Barockpaläste Münchens. Heute ist es ein Geschäftshaus. Anstelle des abgerissenen Schwabinger Tors erbaute Friedrich von Gärtner nach dem Vorbild der Loggia dei Lanzia in Florenz die Feldherrenhalle Bild links: Blick aus Feldherrenhalle auf Odeonsplatz). Sie enthält Denkmäler der bayerischen Tilly und Wrede.  

Klenze umfasste den Odeonsplatz und den südlichen Abschnitt mit klassizistischen Palästen und Ministerien. Nach Osten wird der Platz durch Klenzes Bazargebäude, mit dem schon damals beliebten Café Tambosi, begrenzt. Im Westen begrenzt die Theatiner Kirche, das Moy-Palais, das Lerchenfeld-Palais sowie das Odeon (heute: Bayerisches Staatsministerium des Innern)  und das Leuchtenberg-Palais (heute: Bayerisches Staatsministerium der Finanzen) den Platz.

 

Literatur:

Heinrich Habel, Johannes Hallinger, Timm Weski: Denkmäler in Bayern, Landeshauptstadt München Mitte, Band 2; 2011

Petra Wucher, Tobias Lill: Münchens Neue Altstadt, München 2009

Susanna Lajtos: In luxuriösen Betten. Münchner Nobelherbergen und ihre Geschichte, München 2010