Herzog & de Meuron: Architekturstars aus Basel

Ob die Elbphilharmonie in Hamburg, das „birds nest“ in Peking oder die Allianz Arena in München – die von dem Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron entworfene Bauwerke beherrschen die Medienberichterstattung.

 

Das 1978 von den Schweizer Jacques Herzog und Pierre de Meuron (beide 1950 in Basel geboren) gegründete Architekturbüro ist auch mit vier Bauten in München vertreten – das für viele Münchner bekannteste Gebäude ist das Allianz Stadion. 

Jacques Herzog wurde am 19. April 1950, Pierre de Meuron am 8. Mai 1950, in Basel in der Schweiz geboren. Sie wuchsen nur wenige Häuser voneinander entfernt in Basel auf und kennen sich seit Kindertagen, in der sie bereits gemeinsam Häuser und Schiffe bauten – aus Lego und Meccano-Spielzeug.

Ausbildung an der ETH Lausanne und der ETH Zurich

Herzog versuchte zunächst Wirtschaftsschaftsdesign zu studieren, wechselte dann aber zur Fakultät Biologie und Chemie an der Universität Basel.  Schließlich studierte er Architektur an der ETH Universität Lausanne, wo auch de Meuron Architektur studierte. Nach ihrem ersten Studienjahr wechselten sie an die ETH in Zurich, wo sie 1975 ihr Studium mit dem Diplom abschlossen. Beide blieben jedoch an der ETH Zurich, wo sie als Assistenten Professor Dolf Schnebli arbeiteten

Frühe Einflüsse und Bürogründung

Als frühen Einfluss nannten Herzog und de Meuron die Architekten der Moderne, Alvar Aalto und Hans Scharoun, aber auch ihre Lehrer. Ihr erster Lehrer, Lucius Burckhardt riet ihnen nicht zu bauen, sondern sich stattdessen sich mit der Theorie und den Menschen zu beschäftigen.  Aldo Rossi, ebenfalls einer ihrer Lehrer an der ETH, riet ihnen stattdessen die Soziologie zu vergessen und zu bauen. Beeinflusst wurden sie zudem durch eine Reise durch Japan aufgrund der Gegnsätze zwischen alten und neuen Bauten. 1978 gründeten sie zusammen ihr Architekturbüro Herzog & de Meuron (HdM) in ihrer Heimatstadt Basel.

Das Büro hat heute den Sitz in der Schanzstraße in Basel und verfügt weltweit mit Zweigstellen in London, München, Barcelona, San Francisco und Tokio über mehr als 300 Mitarbeiter. Zu den Partner im Büro Herzog & de Meuron zählen unter anderem Harry Gugger (*1956), Christine Binswanger (* 1964), Robert Hösl (* 1965) und Ascan Mergenthaler (* 1969. De Meuron und Herzog lehren beide an der ETH Zürich und an der Harvard University.

Durchbruch mit Tate Modern in London

Nach der Bürogründung entwarfen die Architekten zunächst vorwiegend Bauwerke in der Region Basel, dann auch in der gesamten Schweiz und im Ausland. Dabei umfassten ihre Werke nahezu alle Nutzungsarten: Museen (1992: Sammlung Goetz, München - siehe Foto oben links; 1992: Erweiterung des Rijksmuseum Kröller-Müller, Otterlo, Niederlande), Wohnhäuser (1992: Studentenwohnheim Antipodes I, Dijon, Frankreich), Büro- und Geschäftshäuser sowie Bibliotheken und Hochschulbauten (Bibliothek der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde).

International bekannt wurden Herzog & de Meuron mit dem Projekt für die Tate Modern in London (siehe Foto links). Die Basler Architekten konnten sich gegen 147 Mitbewerber durchsetzen. Die Kunstgalerie wurde in ein ehemaliges Kraftwerk (Bankside Powerstation) eingebaut und im Jahr 2000 eröffnet. Die Außengestaltung entwickelten Herzog & de Meuron zusammen mit dem Zürcher Landschaftsarchitekten Dieter Kienast. Wegen des unerwartet großen Besucheransturms wurde ein Erweiterungsbau notwendig, den Herzog & de Meuron 2016 ebenfalls mit einem Entwurf verwirklichen konnte.

Großbauten wie die Fußball-Arena und das Olympiastadion

Bereits 2001 wurde St. Jakob-Park in Basel, das größte Schweizer Fußballstadion, nach einem Entwurf von Hertog & de Meuron eröffnet. Außergewöhnlich ist, dass die Haupttribüne (Sektor A) durch kein Hindernis vom Spielfeld getrennt ist. Das Stadion verfügt über eine Kapazität von 38.512 Plätzen und kostete rund 250 Millionen Schweizer Franken.

Es folgten zahlreiche weitere berühmte Bauten – zum Beispiel gigantische Sportstätten wie 2005 die Allianz-Arena (Bild links) in München-Fröttmaning oder das Nationalstadion in Peking anlässlich der Olympischen Sommerspiele 2008. Das Fußballstadion in München wurde ein Jahr vor der Fußballweltmeisterschaft 2006 mit einer Kapazität von 75.021 Plätzen für 340 Millionen Euro erbaut. Die Fassade besteht aus 2760 Folienkissen die in Rot, Blau oder Weiß und verschieden hell beleuchtet werden können.

Das Pekinger Nationalstadion entstand in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Künstler Ai Wei Wei,  der China Architecture Design & Research Group sowie Arupsport. Das Gebäude ist 330 Meter lang, 220 Meter breit und 69,2 Meter hoch. Die äußere Hülle des Stadions bildet ein 42.000 Tonnen schweres verschlungenes Stahlgerüst, das aus tausenden vorgefertigter Einzelteile – jeweils bis zu 350 Tonnen schwer – bestand. Aufgrund seiner Form hat das Stadion den Spitznamen „Vogelnest“. Jacques Herzog hofft, dass „dieses Bauwerk für Peking das wird, was der Eifelturm für Paris ist“. Die Baukosten betrugen rund 325 Millionen Euro.

Weitere Sportstadien aus der Feder von HdM sind beispielsweise das 2013 fertig gestellte Nouveau Stade de Bordeaux oder der Entwurf des Chelsea FC Stadion (veranschlagte Baukosten: 500 Millionen Pfund) in London sowie das Portsmouth Dockland Stadium.

Türme in der Schweiz und den USA

In den vergangenen Jahren entwarf HdM auch einige Hochhäuser, die häufig in ihr Form von den üblichen Gestaltung dieses Gebäudetyps abweichen. So erinnert der St. Jakob-Turm in Basel an einen Bergkristall. Auch das 2015 höchste in der Schweiz erbaute Bürogebäude, der Roche Turm (Bau 1),  weist in seiner treppenartig nach oben verjüngende Form eine auffällige Gestaltung auf. Er soll bis 2021 durch den Roche Turm Bau 2 ergänzt werden.

Das 2016 fertiggestellte 250 Meter hohe Wohnhochhaus 56 Leonard Street im New Yorker Stadtteil Manhattan weist ebenfalls ein auffälliges Außendesign auf, weil einzelne Etagen versetzt, „wie gestapelte Bauklätze, aufeinandergebaut sind.

Die Elbphilharmonie

Ähnlich wie bei der Tate Modern, so wurde auch mit der Elbphilharmonie auf einem bestehenden Bauwerk ein neues geschaffen. Als Sockel und untere Hülle für das 2017 eröffnete Konzerthaus diente der frühere Kaispeicher. Darauf wurde ein moderner Aufbau mit Glasfassade gesetzt. Je nach Sicht des Betrachters wird dieser mit der Form eines Segels oder eines Quarzkristalls verglichen. Auch bei der Fassade erwiesen sich die Architekten wieder als innovativ: Sie setzt sich aus insgesamt 2200 einzelnen Glaselementen zusammen, die jeweils aus vier Glasscheiben bestehen. Alle Scheiben erhielten einen eingearbeiteten Licht- und Wärmeschutz durch aufgedruckte gerasterte Folien. 595 Glaselemente sind individuell gekrümmt. Mit einer Höhe 110 Meter ist die Elbphilharmonie auch das höchste Gebäude Hamburgs.

Das Gebäude vereint in sich verschiedene Nutzungsarten: Konzerthaus, öffentliche Plaza, Wohnen, Hotel und Gastronomie. Die Elbphilharmonie stand allerdings auch jahrelang aufgrund der hohen Kosten- und Terminüberschreitung im Mittelpunkt der Medienberichterstattung (siehe unten Kritik).

Der HdM-Stil

Die frühe Arbeiten des Architekturbüro sind im reduzierten Stil der Architektur der Moderne gehalten. In den vergangenen zehn Jahren schienen die Bauwerke wie das „bird nest“ in Peking, das Gebäude für Prada in Tokio oder der Elbphilharmonie in Hamburg jedoch mehr von den neuen technischen Möglichkeiten für eine mehr plastische und skulpturale Gestaltung bestimmt zu sein. Eine wichtige Rolle bei den Bauwerken spielt die Materialität. So berufen sich die Architekten bei der Gestaltung auch auf die Ideen von Joseph Beuys und arbeiten öfters mit Künstlern zusammen. Mit ihren Bauwerken schufen sie eine Baukörpersprache, die sich in keinen Elementen wiederholt aber dennoch eine deutliche, klare Linie erkennen lässt. Selbst kubische Bauten verlieren ihre Masse und filigrane Körper scheinen Gewichtslos zu sein.

Kritik an Projekte

Die Größe und ungewöhnliche Form der Bauwerke hat für eine breite Aufmerksamkeit der Medien gesorgt, die allerdings auch zu einer kritischen und negativen Beurteilung geführt hat. So wurden die Architekten auch für Termin- und Kostenüberschreitungen verschiedener Bauwerke – vor allem bei der Elbphilharmonie – mitverantwortlich gemacht. Wie andere Architekten, die Bauwerke für autoritäre Regime entwarfen, so wurden die Basler Architekten anlässlich des Baus des Nationalstadions in Peking für ihre Zusammenarbeit mit China kritisiert. 

 

 

Werke (Auswahl)

1980: Blaues Haus, Oberwil, Schweiz

1981: Ausstellungsraum Klingenthal, Basel, Schweiz

1982: Photostudio Frei, Weil am Rhein

1988: Steinhaus (Casa de Piedra), Tavole, Schweiz

1988: Wohn- und Geschäftshaus Schwitter, Basel

1992: Sammlung Goetz, Oberföhringer Str. 103,  Oberföhring, München

1992: Studentenwohnheim Antipodes I, Dijon, Frankreich

1992: Erweiterung des Rijksmuseum Kröller-Müller, Otterlo, Niederlande

1995: Hypo-Bank Junghofstraße, Büro- und Geschäftshaus, Frankfurt

1996: Bibliothek der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

1998: Zentrales Stellwerk der SSB (Bild links), Basel, Schweiz  

1999: Dominus Winery, Napa Valley, Kalifornien, USA

2000: Tate Gallery of Modern Art, Bankside, London, UK

2001: St. Jakob-Park, Basel, Schweiz

2000: Geschäftshaus Herrnstraße 44 (Bild links unten), München

2001: Fünf Höfe, Kreuzviertel, München

2003: Laban Dance Centre, Deptford Creek, London, UK

2003: Prada Aoyoma Epicenter, Tokio, Japan

2004: Forum 2004, Barcelona, Spanien

2005: IKMZ Bibliothek der Technischen Universität Cottbus

2005: M.H. de Young Memorial Museum, San Francisco, Kalifornien, USA

2005: Walker Art Center Erweiterung, Minneapolis, Minnesota, USA

2005: Allianz Arena, Fröttmaning, München

2007 40 Bond Street, New York City, USA

2008: Nationalstadion, Peking, China

2008: CaixaForum Madrid, Madrid, Spanien

2008: Tenerife Espacio de las Artes, Santa Cruz de Tenerife, Kanarische Inseln, Spanien

2009: VitraHaus (Bild links), Weil am Rhein

2010: Parkhaus 1111 Lincoln Road, Miami , Florida, USA

2010: Museum der Kulturen, Basel, Schweiz

2012: Serpentine Gallery Pavilion, London, UK

2012: Parrish Art Museum, Water Mill, New York

2013: Pérez Art Museum Miami, Florida, USA

2014 Messe Basel, Basel, Schweiz

2015: Blavatnik School of Government, University of Oxford, UK

2015: Roche-Turm, Basel, Schweiz

2015 Nouveau Stade de Bordeaux, Frankreich

2015: Unterlinden-Museum Erweiterungsbau, Colmar, Frankreich

2016 Tate Modern 2, Bankside, London, UK

2017: Elbphilharmonie, Hafencity, Hamburg

Auszeichnungen

1999: Schock Prize

2001: Pritzker Architektur Preis

2003: Stirling Prize für das Laban Dance Centre

2007: RIBA Royal Gold Medal

2007: Praemium Imperiale

Quellen: http://www.herzogdemeuron.com/ ; https://deu.archinform.net/arch/291.htm ;  http://www.archdaily.com/tag/herzog-and-de-meuron ;  http://architizer.com/firms/herzog-de-meuron/ ; http://www.pritzkerprize.com/laureates/2001

Bildnachweise: Elbphilharmonie: Impressionen einer Barkassenfahrt im August 2016 durch den Hamburger Hafen., Foto: -Nightflyer; Elbphilharmonie Hamburg, Mai 2016, Foto: Maddl79: Pierre de Meuron und Jacques Herzog- Porträt: https://deu.archinform.net/arch/291.htm ,  Presse Pritzker Prize 2001; Sammlung Goetz, Foto: Ulrich Lohrer; Tate Modern and Millennium Bridge viewed from the north bank of the Thames, Foto: The wub; Allianz Arena, wikipedia; Beijing, Olympic village, stadium called "bird's nest", Foto: Pjk; 56 Leonard Street im Bau, Mitte Juni 2016, Foto: Skylinerider; Elbphilharmonie, Hamburg, Deutschland, Foto: Dietmar Rabich; Visualisierung Museum des 20. Jahrhundert: Herzog & de Meuron; Bibliothek der Fachhochschule während der 750-Jahr-Feier der Stadt Eberswalde., Foto: Ralf Roletschek; Zentrales Stellwerk der SBB Basel (1994–1998), Foto: Roland Zumbühl