Ästheten der Gegenwart

Häufige Teilnehmer großer Architekturwettbewerbe ist das Münchner Büro Allmann Sattler Wappner. Das große Architekturteam hat sich im vergangenen Jahrzehnt den Ruf als Experten für die ästhetische Umsetzung von Einkaufszentren erworben. Doch die Münchner beherrschen eine weit breiteres Spektrum architektonischer Gestaltung.

Nach eigenen Angaben des Unternehmens (kurz ASW) arbeiten für das Büro etwa 60 Mitarbeiter in acht Ländern. Die Arbeiten umfassen städtebauliche Planungen, öffentliche Bauten, Wohngebäude und gewerbliche Bauten sowie Produktdesign. Gegründet wurde das Büro 1987 von den Architekten Markus Allmann und Amandus Sattler. 1993 wurde zudem der Architekt Ludwig Wappner in den Kreis der Geschäftsführer aufgenommen.

Zu den bekanntesten Projekten zählen das Dornier Museum in Friedrichshafen, die Herz Jesu Kirche und das Haus der Gegenwart in München, sowie das Verwaltungsgebäude ‚Ä®für Südwestmetall in Reutlingen. Generalplanungen für die neue Corporate Architecture ‚Ä®der Audi AG werden derzeit in mehr als zehn Ländern weltweit realisiert. Weitere aktuelle ‚Ä®Projekte sind das Stachus Einkaufszentrum, die Pasinger Hofgärten und das Forum am ‚Ä®Hirschgarten in München, die Stadtbahn in Karlsruhe sowie der Automotive Complex in Kuwait. Anbei ein Überblick über die wichtigsten Werke mit Schwerpunkt auf den Münchner Raum in chronologischer Anordnung.

 

 

Pfarrkirche Herz Jesu

Der katholische Kirchenbau in der Romanstraße 6 im Bezirk Neuhausen-Nymphenburg wurde in den Jahren 1997 – 2000 neu errichtet. Der moderne Bau ist einer der am häufigsten besuchten Kirchen in München.

Das Vorgängergebäude war ursprünglich 1890  wegen des starken  Bevölkerungswachstums zur Entlastung der ehemalige Neuhauser Dorfkirche, benannt nach dem Wanderprediger Winthir, erbaut worden. Nachdem sie 1944 bei einem Bombenangriff der Alliierten fast vollständig abgebrannt war, wurde sie 1948 bis 1951 nach den Plänen des Architekten Friedrich Haindl neugestaltet wieder errichtet. Mit  zweitgrößten Orgel in München  wurde 1953 der Grundstein für eine langjährige Kirchenmusiktradition gelegt. Als am 26. November 1994 erneut ein Brand die Kirche vernichtete, wurde durch Spenden der Neubau durchgeführt.

Die Kirche ist quaderförmig mit einer blauen 14 Meter hohen gläsernen Frontseite. Auch die Seiten sind aus Glas, allerdings unterschiedlich transparent. Die Transparenz der Fassade ist im Altarbereich durch eine Eintrübung des Glases am geringsten, während sie im Vorraum durch die Verwendung von Klarglas am höchsten ist.

Innerhalb dieses Glaskastens befindet sich ein weiterer, hölzerner Kubus. Um den inneren Kubus herum führt ein Kreuzweg. Durch über 2000 senkrecht stehende Holzlamellen des Innenkubus fällt – je nach Sonnenstand unterschiedlich stark – Licht in den Kirchenraum. Die Helligkeit nimmt zum Altar hin kontinuierlich zu. Die komplette Vorderseite wird nur an hohen Feiertagen wie ein riesiges Tor vollständig geöffnet. Sonst betritt man die Kirche durch zwei kleinere Türen im Hauptportal.

 

 

 

DieVorderseite besteht aus 24 mal 18 Quadraten, die wiederum aus kleinen Quadraten bestehen, auf denen sich Muster aus stilisierten weißen Nägeln befinden. Ein von Alexander Beleschenko entwickelter Code in Anlehnung an die Keilschrift zitiert in immer wiederkehrender Form die Passionsgeschichte. Durch eine zweite Glasschicht, diesmal mit blauen Nägeln auf durchsichtigem Glas, erscheinen einige Teile der Fläche in einem dunkleren Blau. Ein hellblaues Kreuz wird schemenhaft sichtbar. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein ähnliches Kreuz befindet sich im Altarraum. Es wird durch einen metallgewebten Vorhang gebildet, der an einigen Stellen dichter gewebt ist. Je nach Lichteinfall erscheint das Kreuz mal heller, mal dunkler als die Umgebung, wodurch ein veränderlicher, lebendiger Eindruck entsteht. Der Boden im inneren Kubus fällt zum Altar hin ab, wodurch ein einladendes Gefühl der Geborgenheit erreicht wird. Dazu trägt auch das helle Holz der Innenstruktur und der zum Eingang gewandten Seite des Kirchengestühls bei. Die Rückwand des Kirchengestühls ist dunkel, der Hintergrund des Emporenkastens schwarz, wodurch sich die silberne Orgel, die sich über dem Eingang des inneren Kubus befindet, optisch stark abhebt. Durch das Einfassen der Orgel in einen eigenen Kasten sollte auch die Akustik verbessert werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Münchner Tor

Im Juli 2003 wurde das Bürohochhaus der Munich Re-Versicherung  nach rund zweijähriger Bauzeit eingeweiht, die Projektentwicklung hatte die Tochterfirma der Munich Re, die MEAG Real Estate,  durchgeführt.Der Gebäudekomplex, in dem etwa 1200 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz haben,  besteht aus einem Flachbau und einem daran angeschlossenen Büroturm. Der Turm mit einer Höhe von 85 Metern besteht aus zwei Untergeschossen, ein Erd-, sowie ein Galeriegeschoss und einundzwanzig Obergeschossen. Der Flachbau besitzt ebenfalls zwei Untergeschosse und sechs Obergeschosse. Weil sich das Gebäude direkt an der Autobahnauffahrt zur A 9 befindet, markiert es zusammen mit den gegenüberliegenden Highlight Towers die Einfahrt in den Mittleren Ring aus nördlicher Richtung nach München im Stadtbezirk Schwabing-Freimann. Es wird daher als Münchner Tor bezeichnet.

 

 

 

 

Eine schallreflektierte Wand schützt die dahinterliegende Büros vor dem Lärm des Autoverkehrs. Nach Norden hat das Hochhaus eine vollständig verglaste Doppelfassade. Sonst ist das Äußere in ein metallenes Netz gehüllt, das die bündig bis zur Fläche eingesetzten Fenster verbirgt. Über eine großzügige Promenade an einem kleinen Teich, die zum Teil unter dem Hochhaus geleitet wird, ist das Gebäude an das Wohngebiet der Nachbarschaft angebunden.

 

 

 

 

 

 

 

Haus der Gegenwart

Das experimentelle Einfamilienhaus auf dem ehemaligen Gelände der Bundesgartenschau (BuGa) 2005 in München-Riem ist das Ergebnis eines 2001 vom SZ-Magazin veranstalteten Architekturwettbewerbs. Aufgabe der etwa 100 geladenen Architekturbüros war es, ein Haus für vier Personen zu entwerfen, das am Rande einer Großstadt liegen und 250.000 Euro Baukosten nicht überschreiten sollte.  Die internationale Jury, der unter die Modedesignerin Jil Sander, die Architekten Shigeru Ban, Jo Coenen und Matteo Thun angehörten, vergaben den Entwurf des Hamburger Architekten André Poitiers. Der dritte Preis ging an Ortner + Ortner Baukunst. Realisiert wurde jedoch der zweite Preis, der Entwurf von Allmann Sattler Wappner. 

Das Haus der Gegenwart bietet auf zwei Etagen rund 200 Quadratmeter Wohnfläche. Im Erdgeschoss gruppieren sich drei Wohneinheiten um einen Freiraum. Die Wohneinheiten haben eigene Eingänge, können unterschiedlich eingeteilt werden und zeigen sich als getrennte, kubische Baukörper. 

 

 

Der offene Raum zwischen ihnen ist als Abstellplatz für Autos vorgesehen. Über der Parkfläche liegt im ersten Obergeschoss der zentrale Gemeinschaftstraum mit Küche. In diesen Raum münden die drei Treppen der Wohneinheiten. Vom Gemeinschaftsraum führen große, raumhohe Fenstertüren auf die drei Dachterrassen über den Wohneinheiten.

Die ebenerdigen Wohneinheiten sind in ihrer Nutzung nicht festgelegt. Schlaf-, Kinder- Arbeits-, Hobbyräume oder eine Einliegerwohnung sind möglich. Sowohl Eltern mit Kindern als auch Wohngemeinschaften Erwachsener können das Haus bewohnen. Es kann flexibel entsprechend wechselnder Lebensphasen genutzt werden.

Alle elektronischen Vorgänge im Haus lassen sich zentral steuern. Die Bewohner erhalten vom Computer oder Mobiltelefon Zugriff auf ihr Haus, auch von unterwegs. Neben der Abfrage des aktuellen Status kann der Nutzer Beleuchtung, Fenster, Türen, Jalousien, Heizung oder zum Beispiel die Gartenbewässerung einstellen. Jeder Bewohner kann dem Haus per Funkanhänger mitteilen, in welchem Zimmer er oder sie sich befindet: Treffen Nachrichten per Mail ein, informiert das Haus den Empfänger am nächstgelegenen Bildschirm. Beleuchtung, Raumtemperatur oder Hintergrundmusik können den Vorlieben gemäß Voreinstellung angepasst werden.

 

Riem Arcaden

Einen hohen Stellenrang in den Arbeiten von ASW nehmen Einkaufszentren ein. Ein Beispiel für die Gestaltungsmöglichkeit in diesem Metier zeigt die ebenfalls in  Messestadt-Riem erbaute Riem-Arcaden, dem Herzstück dieses neuen Stadtteils.Um einen zentralen öffentlichen Platz einzurahmen, wurden unterschiedliche Baukörper unter Verwendung verschiedener Materialien zu einem abwechslungsreichen Bau-Ensemble angeordnet. Insgesamt wurde eine Nutzfläche von 119.000 Quadratmetern  für Einzelhandel, Gastronomie, Büros, Hotels und Wohnen errichtet. Die bereits errichteten Gebäude im Osten und Süden des Hauptplatzes an der U-Bahnhaltestelle Messestadt-West soll durch weitere Gebäude westlich davon ergänzt werden.

 

 

 

 

Ein weiteres Beispiel für die Gestaltung großräumiger Einkaufszentren durch Allmann Sattler Wappner finden sich im Westen Münchens, am Bahnhofsplatz in Pasing mit dem Pasing-Arcaden.  Bereits zuvor wurden auf der anderen Seite des Pasinger Bahnhofplatz mit den Pasinger Hofgärten ein Wohn- und Geschäftsgebäude errichtet, dass das Spiel von Innenhöfen auf verschiedenen Ebenen aufgreift.

Dass sich aber der Erlebnisraum eines Einkaufszentrum auch mit deutlich begrenzten Raumangebot realisieren lässt, zeigt das von ASW gestaltene Stachus-Einkaufszentrum in dem Untergeschoss am Karlsplatz.

 

 

 

 

 

Dornier Museum Friedrichshafen (2009)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Dornier Stiftung für Luft- und Raumfahrt, München, schrieb 2006 einen Wettbewerb zum Bau des Dornier Museums in Friedrichshafen am Bodensse aus. Allmann Sattler Wappner gewannen unter der Projektleitung von Robert Klein den 1. Preis und realiserten das Gebäude direkt am Flughafen Friedrichshafen. 1910 begann der 1884 in Kempten geborene Claude Dornier als Konstrukteur beim Luftschiffbau Zeppelin. Hier entwickelt er unter anderem eine drehbare Halle für die Luftschiffe. Vom Grafen Zeppelin gefördert, entwickelt er bald in einer eigenen Abteilung technischer Konstruktionen und Versuchen. Aus dieser Abteilung geht die »Dornier-Metallbauten GmbH« mit Sitz in Manzell bei Friedrichshafen  hervor. In den 1920er Jahren realisiert er eine Reihe von Flugzeugprojekten, die – damals technisch revolutionär – fast vollständig aus Metall gefertigt sind. Der „Merkur“ erfliegt sieben Weltrekorde, der Polarforscher Roald Amundsen erkundet 1925 mit dem „Wal“ in spektakulären Flügen die Arktis, das Flugschiff „Do X geht“ als größtes Flugzeug seiner Zeit in die Geschichte ein. 1932 wird Claude Dornier Alleingesellschafter.

 

Nach seinem Tod, am 5. Dezember 1969 geht der Dornier-Konzern in eine Erbengemeinschaft seiner Witwe und seiner sechs Söhne über.

Friedrichshafen ist die Geburtsstätte der Firma Dornier. Die örtliche Verbindung ‚Ä®des Museums zum Flughafen Friedrichshafen macht die Zusammenhänge von den Anfängen der Luftfahrt bis zum heutigen Flugverkehr für jeden Besucher hautnah erlebbar.

„Die moderne und klare Architektur des Museumsneubaus verleiht dem Dornier-Erbe einen besonderen und vor allem authentischen Rahmen: Der Grundriss des Museums in Form eines Hangars zeichnet symbolisch eine Rollfeld-Abzweigung des Flughafens Friedrichshafen. Dabei wird die Architektur auf faszinierende Weise zwei ganz unterschiedlichen Anforderungen der Ausstellung gerecht:

 

Zum einen bietet der Hangar ausreichend Platz für zahlreiche Originalflugzeuge. Zum anderen bildet die über dem Foyer scheinbar schwebende Museumsbox das Herz und Kernstück der Ausstellung. Hier gewinnt man Einblick in den reichhaltigen Fundus, der den Namen Dornier seit über 100 Jahren mit der Luft- und Raumfahrtgeschichte verbindet.“ Dornier Museum

In direkter Verbindung zur Start- und Landebahn des Regionalflughafens Friedrichshafen liegt das Grundstück für das Dornier Museum. Das Museum präsentiert die Technologie des Flugzeugbaus und die Geschichte der 1922 gegründeten Dornier-Werke. Durch das Gebäude wird ein Bezug zur Zeitgeschichte hergestellt. Ausstellungsstücke sind unter anderem historische Flugzeuge, von denen einige nach wie vor flugfähig sind.

Die Form des Museums leitet sich aus dem direkten Zugang dieser Flugzeuge zur Start- und Landebahn ab. Transluzente Raumschalen, die den gekrümmten Weg begleiten, begrenzen den Innenraum. Die Stirnflächen mit Orientierung zum Flughafen werden über transparente Tore geschlossen. Eine Box innerhalb der großen Halle ermöglicht die szenographische Aufbereitung der einzelnen Epochen. ‚Ä®

 

 

 

 

Weitere Informationen:

...gibt es auf der Internetseite von Allmann Sattler Wappner. Informationen zum Dornier Museum Friedrichsfafen gibt es auf deren Interentseite.